Altersarmut in Deutschland?

Knapp 7,5 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in 400-Euro Jobs. Das Instrument dieser Minijobs ist für viele eine gute Möglichkeit, ein kleines Nebeneinkommen ohne Steuern und Sozialabgaben zu erwirtschaften. Gedacht war so etwas für Schüler, Studenten, Hausfrauen und Rentner als Nebenbei-Beschäftigung. In Zeiten der Arbeitslosigkeit wurde es aber für manchen eine Langzeit-Notlösung. Nach einem Jahr 400-Euro-Job hat man nach Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums einen Rentenanspruch von 3,11 Euro monatlich erworben. Das macht summa summarum nach 45 Jahren eine Altersversorgung von knapp 140 Euro pro Monat aus. Ein Hungerlohn im wahrsten Sinne des Wortes.

Von den siebeneinhalb Millionen Minijobbern im letzten Jahr war der überwiegende Teil Frauen. Viele von ihnen werden, wenn sie nun in Rente gehen, Hartz IV beantragen müssen. Die Altersversorgung der Frauen in Deutschland ist – laut Yvonne Ploetz, der Sprecherin der Linken – nach wie vor alarmierend. Die Antwort des Arbeitsministeriums hierauf hört sich beruhigend an, ist es aber nicht: Geringe Renten seien kein Indiz für geringe Gesamteinkommen im Alter. Im Durchschnitt betrage die Altersrente von Frauen 535 Euro. Da aber meist andere Einkünfte hinzukämen, liege das Nettogesamteinkommen von alleinstehenden Frauen im Alter bei 1.188 Euro.

Also kein Grund zur Sorge?

Die „anderen Einkünfte“ bestehen aus den Teilrenten der verstorbenen Ehemänner und zum anderen aus Arbeit, die die Rentnerinnen oft noch leisten müssen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Es sind aber nicht nur die Frauen, die auch im Rentenalter kämpfen müssen, um zu überleben.

Das Grundübel ist der immer weiter expandierende Niedriglohnsektor in Deutschland, in dem Stundenlöhne von sechs Euro nicht selten sind. Die Sendung „Monitor“ sendete am 15.September 2011 einen Bericht über die Misere der Dumpinglöhne. Zum Beispiel der junge Bäcker, der für einen Bruttolohn von 1.400 Euro Vollzeit arbeitet und Frau und zwei Kinder davon ernähren soll, oder die Verkäuferin, die brutto 1.000 Euro zum Leben verdient, machen deutlich, dass es Millionen von Deutschen gibt, die von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Der junge Bäcker wird – nach heutigen Berechnungen – einmal 466 Euro Rente erhalten.

Die damals zuständige Ministerin von der Leyen wollte solchen Geringverdienern mit der „Zuschussrente“ zu Hilfe eilen, einer zusätzlichen Leistung, die aus der Rentenkasse erbracht werden sollte. Das Konzept stieß vor allem bei den Versicherungsträgern auf Ablehnung und ist vorerst wieder in der Schublade verschwunden.

Doch zwischenzeitlich ist die Altersarmut ein noch drängenderes Problem geworden. Doch die Tendenz zeigt nach oben. In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der alten Armen angestiegen. Lebten 1995 noch 9,4% der Rentner unter der Armutsgrenze, waren es 2013 schon 14,8% (alte Bundesländer), bzw. 12,5% (neue BL) deren Einkommen kaum zum Leben reicht.

Es sind aber nicht nur die Auswirkungen des um sich greifenden Niedriglohn- und Leiharbeitssektors, die die Renten der Alten schmälern, sie geraten auch von einer anderen Seite her immer mehr in Bedrängnis. Die Bevölkerungen der westlichen Industriestaaten überaltern. Die Menschen haben seit dreißig Jahren immer weniger Kinder bekommen. Und von den Jungen stehen viele nicht in Lohn und Brot, denkbar schlechte Voraussetzungen, um die Last der Renten für die Eltern- und Großelterngeneration künftig zu schultern. Die Geburtenhäufigkeit in Deutschland liegt derzeit bei 1,32 Kindern pro Frau. Demographen nennen das die „Nettoreproduktionsrate“. Deutschland gehört mit dieser Geburtenrate zu den Schlusslichtern auf dieser Welt. Da kann man schon nicht mehr von Vermehrungs- sondern nur noch von Verminderungsrate sprechen. In der Fachsprache heißt das, „die Geburtenrate sinkt unter das Bestandserhaltungsniveau“. Die Alterspyramide in Deutschland sieht schon seit Jahrzehnten eher nach einer Urne aus, als nach einer Pyramide.

Das deutsche Rentensystem ist ein Generationenvertrag, die Ruheständler werden aus dem Rententopf bezahlt, in den die Berufstätigen einzahlen. Das aber wird immer weniger. Doch nicht nur der Mangel an Nachwuchs macht sich hier schmerzlich bemerkbar. Auch die Automatisierung der Produktionsvorgänge in einem industrialisierten Land wie Deutschland hat viele Arbeitsplätze abgeschafft. Die Roboter in den Fertigungsstraßen zahlen aber nicht in die Rentenkassen ein. So müssen immer weniger Renteneinzahler mit immer höheren Beträgen die wachsende Zahl der Rentner ernähren.
Um das Dilemma noch weiter zu verschärfen, wird in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts auch noch die Generation der „Babyboomer“ ins Rentenalter kommen. Die heute 40 bis 50 jährigen bilden die breiteste Etage in der Alterspyramide. Sie ist fast doppelt so breit, wie die Basis der heutigen Kinder. Die knapp vier Millionen der heute 10 bis 15 Jährigen müssen dann die über sieben Millionen der heute 45 bis 49 Jährigen ernähren. Dabei muss man berücksichtigen, dass nicht alle der vier Millionen heutigen Teenager auch später in die Rentenkassen einzahlen werden – falls die dann noch existiert. Die Jungen werden sich verständlicherweise dagegen wehren, pro Einzahler zwei Rentnern den Lebensunterhalt zu erarbeiten.

Es ist also empfehlenswert, einmal sehr gründlich darüber nachzudenken, wovon man im Alter leben will, um nicht bis zum Umfallen arbeiten zu müssen. Darauf, dass der Staat das schon richten wird, sollte man sich besser nicht verlassen. Hier ist Eigeninitiative gefragt. Ein gutes, krisensicher angelegtes finanzielles Polster, niedrige laufende Kosten und eine (unternehmerische) Tätigkeit, die laufend Einnahmen bringt, sind unverzichtbare Bausteine, um einen Absturz zu vermeiden. Ich verweise hierzu auf meine Tipps in der Rubrik Sicherung des Einkommens.