BIP und Wachstum: warum wir falsche Propheten anbeten

Manche Dinge sind eben immer noch beruhigend einfach: die Tagesschau meldet, dass wir wieder ein steigendes Bruttoinlandprodukt haben? Dann ist alles in Butter. Das Heute Journal schwärmt kurz darauf von der stabilen Wachstumsrate? Super, dann können wir mit einem beruhigten Lächeln ins Bett steigen. Doch kaum schläft man mal gut, da kommen immer mehr von diesen Nörglern, die das BIP nicht nur infrage stellen, sondern als kompletten Irrweg verdammen. Das Ding sei nicht nur eine unpassende Messlatte, sondern komplett lebens- und menschenfeindlich. Und dann fangen auch noch Börsenanalysten an, das Wachstum madig zu reden. Sind die jetzt alle plötzlich auf links und öko gebürstet? Was soll falsch sein, wenn wir ordentlich produzieren und wachsen?

Unter dem nach wie vor offiziell verordneten Wachstumshype scheint sich die wirtschaftskritische Nachdenklichkeit auch dort breit zu machen, wo man sie nicht vermutet hätte. So klang ein bekannter Börsenanalyst, der sonst eher als Wirtschaftsliberaler bekannt ist, diese Woche fast schon etwas nach Kapitalismuskritiker und Umweltaktivist:

Monatlich werden weltweit 200 Milliarden Euro frisches Geld gedruckt. Warum? Weil wir zum Wachstum verdammt sind. Wer soll sonst die Zinsen erarbeiten und bezahlen? Zumindest war der DAX der einzige Lichtblick bei diesem Sauwetter in dieser Woche. Manche nennen das ja Frühling, obwohl Millionen Autos mit ihrem CO2 die Welt aufheizen, sagt man. SUVs liegen voll im Trend. Bei den Rekordabsätzen der Autobauer dürfte der Sommer wohlig warm werden, kurzum, für Nachschub ist gesorgt. Notfalls hilft die Politik nach. Irre, aber Glyphosat ist ja auch gut für die Umwelt, rufen Lobbyisten. Bienen rufen zurück: Wenn wir gehen, nehmen wir euch mit! Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt hat eben seinen Preis.

An der Art des Humors erkennen Sie vielleicht schon wer es geschrieben hat. Dazu gleich noch mehr, zunächst gehen wir noch auf die Stichworte „irre“ und „Glyphosat gut für die Umwelt ein“ ein. Denn damit spricht der Autor genau die Art von „irrer“ Tatsacheverdrehung an, die auch unsere wichtigste ökonomische Kennziffer, das Bruttoninlandsprodukt von vorn bis hinten durchzieht. Dazu schreibt ein anderer Autor, Sven Böttcher, in dem spannenden neuen Onlinemagazin Rubikon folgendes:

„(…) denn tatsächlich stellt das BIP lediglich einen phänomenalen Gradmesser für unsere kollektive Beschränktheit dar. Schon der Erfinder des BIP, US-Ökonom Simon Smith Kuznets, betonte 1934 öffentlich, seine schlichte Kennziffer sei als Indikator nur äußerst bedingt geeignet, Wohlstand oder gar Wohlergehen zu messen, (…)“

Als eines unter vielen Beispielen rechnet Böttcher detailliert vor, warum und wie ein ganz normaler Arbeitstag ein langweiliger Rohrkrepierer für das BIP ist, während ein schwerer Unfall auf dem Weg ein umso größeres Fest für unseren Wohlstandsindikator ist, je mehr Sach- und Personenschaden entsteht.

Es ist im Grunde kein neuer Kritikpunkt, dass wir für unsere Erfolgsmessung Indikatoren verwenden, die tendenziell menschliches Unglück aller Art als positive Wertschöpfung und ein problemfreies Dahinfließen des Lebens als gefährliche Stagnation deuten. Zusammenfassen könnte man diesen Irrsinn auch wie folgt: mehr BIP, mehr Wachstum – mehr Desaster. Neu ist, dass dieser Missstand zunehmend laut ausgesprochen wird.

Es läuft also eine Menge falsch in der öffentlichen/offiziellen Wahrnehmung und Bewertung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ziele. Das führt nicht nur zu jeder Menge Desorientierung und Kraftverschwendung, sondern auch zur Nichtbehebung und Verschärfung dringender Probleme. Nehmen Sie als Beispiel das Thema Umwelt, das ja im Zusammenhang mit Wachstum das zentrale Problem ist. Hier verlaufen die Debatten ähnlich wie in anderen Bereichen der Politik: die ganze Komplexität wird auf ein Problem – man könnte auch sagen Feindbild – herunterreduziert, um das sich dann alles denken und handeln dreht. Der Rest wird einfach ausgeblendet und gärt vor sich hin.

Das Feindbild heißt hier zwar nicht Putin oder Assad, ist aber dennoch ein Bösewicht sondergleichen: das wahnsinnig gefährliche, unsagbar schädliche und allem Leben feindlich gesonnene Treibhausgas CO². Alles, aber auch wirklich alles, dreht sich um dieses menschengemachte Kohlendioxid bzw. dessen menschengemachten Anteil und die (angeblich?) von ihm verursachte Klimaerwärmung.

Aus dieser ohnehin schon verengten Debatte bleibt dann nur noch eine quasi religiöse Sektiererei übrig, in der es nur den einen offiziell richtigen Standpunkt gibt und ansonsten bösartige Ketzerei. Was dabei verloren geht, ist der Blick für weitere, größere Zusammenhänge. An andere, viel dringendere Probleme wie Ressourcenraubbau, Plastikvermüllung, usw., denkt dann kaum noch jemand. Dieses „Vergessen“ von anderen Aspekten bei der ganzen manischen Fixierung auf das CO²-Global-Warming-Problem deutet auch Frank Meyer (er ist der eben schon zitierte Börsenanalyst) in seiner aktuellen Kolumne zum Thema Wachstum(sreligion) mehrfach an:

Dabei hatte „Diesel-Gate“ doch etwas Gutes. Man redet endlich auch mal über Feinstaub und Stickoxid, also das echte Dreckszeug. Die arme Umwelt? Unsinn! Es ist nicht die Sorge vor Umweltschäden, sondern die Angst vor möglichen Fahrverboten, die die Autofahrer derzeit aus dem Diesel ins Benzin treiben. Erst kommt das Fressen, Pardon, das Fahren, dann die Moral bzw. die Umwelt. Und mal ehrlich… juckt es denn wirklich jemanden, was hinten aus dem Auspuff kommt? Wenn man nur ein Prozent der Abgase durch die Fahrerkabine schicken würde, sähe die Sache schon ganz anders aus.

Da ist viel wahres dran, an diesem Absatz. Meyers witzigen und bissigen Artikel sollten Sie unbedingt ganz lesen. Er bringt in wenigen lockeren Sätzen erstaunlich viel von den oben erwähnten Aspekten auf den Punkt, die sonst in all den endlos-fruchtlosen Umwelt- und Weltverbessererdebatten unerwähnt bleibt.

Also nochmal: Warum halten wir so hartnäckig an offensichtlich falschen Informationssäulen und offensichtlich falschen Kommunikationsstrategien fest, obwohl es doch nachweislich nur tiefer in die Sackgasse(n) führt? Nun, vermutlich weil wir uns lieber täuschen lassen und selbst täuschen, als uns die Mühe zu machen, aufzustehen und ein paar Schritte zurückzutreten, um mit größerem Abstand die verkürzten Zusammenhänge und ausgeblendeten Aspekte ins Bild zu bekommen. Das ist tatsächlich anstrengend, vor allem wenn doch so ein kleines Bündel an Kennzahlen die angenehme Illusion bietet, das komplexe Chaos da draußen auf kleinstem Raum im Blick und unter Kontrolle zu haben – und zwar ohne etwas an den eigenen Denk- und Verhaltensweisen ändern zu müssen.

Leider braucht man dafür aber auch immer größere Scheuklappen, um den Kurzschluss zu vermeiden, den man durch die unterlassene Kapazitätserweiterung erleidet. Die Informationsflut sorgt dann ebenso für Überforderung wie die vielen neuen Handlungsnotwendigkeiten. Auf politischer Ebene führt das immer wieder zum Festhalten an überkommenen oder gar schon als schädlich erkannten Strategien, wie eben dem Messen von „wirtschaftlichem Erfolg einer Gesellschaft“ anhand des BIP. Dazu nochmal Sven Böttcher:

Dennoch war das BIP jahrzehntelang nicht totzukriegen, und das, obwohl wir wussten, dass es nicht nur nutzlos war, sondern zunehmend verheerend wirkte. Aber da wir uns nicht auf den besten der zahlreichen weniger verheerenden alternativ entwickelten Indikatoren einigen konnten, bleiben wir einfach beim verheerendsten. Dieses tumbe Aussitzen und alternativlose Augenverschließen ist zwar weiterhin populär und wird insbesondere in Deutschland stabil wiedergewählt, (…)“

Für einen Einzelnen mag diese Vogel-Strauss Strategie ein ganzes Leben lang „funktionieren“ – müssen dann halt die Kinder und Folgegenerationen den Scherbenhaufen zusammenkehren. Als Gesellschaft erreichen wir nun jedoch den Punkt, an dem der Scherbenhaufen nicht mehr einfach durch „BIP-Wachstum“ vergrößert und weitergereicht werden kann. Wir müssen jetzt das angehen, was wir so lange gescheut haben: die Arbeit der Veränderungen liebgewonnener Gewohnheiten und den (vermeintlichen) Verzicht auf liebgewonnene (vermeintliche) Annehmlichkeiten. Die Frage ist nur noch: tun wir das jetzt mit einer Strategie, die wir selbst aussuchen, oder später mit einer „Strategie“, die die Notlage für uns vorgibt?

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