Cyberkrieg: ein weiterer Crash-Faktor?

Langsam aber sicher treten wir in eine Phase ein, in der die Informationstechnologie allumfassend wird. Unter all den Bits und Bytes scheint manchmal in Vergessenheit zu geraten, dass das Ganze auf einem riesigen Fundament und ständigen Nachschub von Energie und Rohstoffen fußt. Es scheint, als ob die Menschheit die Fragen dieser zugrundeliegenden Versorgung für „geklärt“ hält. Vielleicht geschieht diese Entwicklung ja auf die gleiche Weise wie die Entstehung des Geldwesens. Hier wie da scheinen die Vorteile so verführerisch, dass man sich Hals über Kopf in eine Entwicklung stürzt, ohne den zu zahlenden Preis auch nur annähernd zu kennen. Kein Wunder, dass Finanz- und Cybersystem zunehmend verschmelzen und somit auch ihre Risiken potenzieren.

Noch immer sprechen viele von „virtueller“ Realität, als ob die elektronischen Daten nichts mit der physischen Sphäre zu tun hätten. Dabei ist die Verbindung keineswegs irreal, sondern lediglich indirekt. Um es auf ein anschauliches und simples Bild herunterzubrechen: wenn auf den Servern meiner Hausbank „virtuelle“ Zahlen und Dateien verschwinden, kann ich irgendwann auch kein „reales“ Brötchen mehr kaufen. Je nachdem wie lange die „Störung“ dann dauert, kann ich mich mit einer Reserve an physischen Zahlungsmittel über Wasser halten oder nicht.

Wie lange es dauert hängt natürlich vor allem von der Ursache der Störung ab. Die aus den Unwägbarkeiten des Finanzsystems herrührenden Ursachen kennen wir zur Genüge. Doch wie sieht es mit denen aus, die ihre Quelle in der IT und im Cybersystem selbst haben? Hier kennen sich die meisten von uns kaum aus. Nun geht der „Fortschritt“ in diesem Bereich derart schnell vonstatten, dass selbst die Ältesten von uns nicht darauf hoffen können, noch rechtzeitig „davonzukommen“, ohne sich mit dem Cybersystem und seinen Risiken auseinandersetzen zu müssen. Da kann man von Glück sagen, dass es mittlerweile auch ältere, „normale“ Finanz- und Wirtschaftsexperten gibt, die das Thema erfassen und – in verständliche Sprache übersetzt – sinnvoll zusammenfassen können. Einer davon ist Manfred Gburek, der schon seit Jahrzehnten das Finanzsystem treffend analysiert und kürzlich bei einer „Cyberkonferenz“ des Deutschen Aktieninstituts einen Blick auf die Welt der Bits und Bytes geworfen hat. Sein Fazit klingt schon in der Überschrift an: „Das dicke Ende im Cyberkrieg kommt noch.

Mit Cyberkrieg ist das wilde Wachstum an Computeraktivitäten gemeint, die darauf aus sind, Schäden in anderen Computern und Netzwerken anzurichten. Genauer: die Professionalisierung und Industrialisierung solcher Aktivitäten. Mittlerweile sind „40 Prozent der in Deutschland installierten Computer Cyberangriffen ausgesetzt“. Es heißt, dass „alle Bereiche“ tagtäglich angegriffen werden.

Wir einfache „Zivilisten“ in diesem Cyberkrieg können vorerst eigentlich nur hoffen, dass die Schlachtfelder nicht zu nah an unsere Lebensadern heranrücken. Man kann sich dabei natürlich einem der vielen hilfsbereiten Experten und deren scheinbar grenzenlosem Wissen anvertrauen. Das ist zunächst der Weg des geringsten Widerstands, den die Mehrheit der Amateur-User im Moment ja auch einschlägt. Allerdings kann nur der zahlungskräftige Teil dieser Mehrheit das Wissen auf Dauer einkaufen.

Mit wachsender Komplexität der IT dürfte das immer teurer werden. Das Wissens- und Machtgefälle wächst natürlich ebenfalls weiter und dürfte zu wachsenden Interessenskonflikten führen. Die wachsende Cyberkriminalität könnte man als solchen „Interessenskonflikt“ betrachten – die Verführung von Macht und Geld lässt den hilfsbereiten Softwareexperten dann zum Mitglied einer professionellen Viren- und Trojanerschleuder werden. Da besteht im Grunde kaum ein Unterschied zum freundlichen Vermögensverwalter, der „nebenbei“ mit faulen Papieren ein bisschen Geld auf Kosten Dritter macht.

Es scheint als ob sowohl im Finanz- als auch im EDV-System jeder konstruktive Fortschritt, jede Effizienzsteigerung und erst recht jeder große „Durchbruch“ immer auch eine mindestens gleich große „dunkle Seite“ an neuen Gefahren und Missbrauchsmöglichkeiten hervorbringt. Bevor man „die Kriminellen“ allerdings pauschal verurteilt, sollte man sich erst einmal Gedanken machen, wie man wohl selbst agieren würde, wenn man die entsprechenden Fähigkeiten und Möglichkeiten hätte und sich womöglich in einer Situation befände, in der man das kriminell verdiente Geld dringend zu brauchen meint.

Wichtiger als Urteile sind realistische Einschätzungen der künftigen Entwicklung. Eine davon lautet, dass der Cyberkrieg wohl kaum abkühlen wird, sondern erst noch richtig heiß läuft. Das kann auch dazu führen, dass kaum noch jemand den Risiken der „virtuellen“ Sphäre beikommt, weil sie eben doch zu komplex werden. Ein Stück weit werden viele da schlichtweg kapitulieren und sich eben doch allein auf Altbewährtes nicht nur zurückbesinnen, sondern auch beschränken müssen. Das Fazit von Manfred Gburek können wir jedenfalls nur unterschreiben – auch wenn es leider keine „befriedigende“, einfache Lösung anbietet:

Das Schlimme daran: Wie das dicke Ende aussehen und wann es kommen wird, ist leider ganz und gar nicht vorhersehbar. Sich darauf vorzubereiten, so gut es geht, läuft darauf hinaus, die wichtigsten Tipps zu beachten, die in verschiedenen Büchern zu Überlebensstrategien und erst recht in persönlichen Ratschlägen der älteren Generation zu finden sind. Die individuelle Ausgestaltung ist dann allen selbst überlassen.

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