Kryptowährungen – eine krisenfeste Alternative für den Zahlungsverkehr?

Vor drei Jahren behandelten wir das Thema Bitcoin und Co. hier zuletzt. Wir gehörten zu den schärfsten Kritikern des wie wir dachten hippen Kurzzeit-Tech-Trends. Wirkliche Zugänglichkeit, Nutzbarkeit und Sicherheit im Kryptowährungs-System schien eigentlich nur für IT-Nerds gegeben, die das enorme Wissensgefälle zu „uns Normalos“ jederzeit missbrauchen konnten. Firmen dieses neuen Marktes verschwanden von einem Tag auf den anderen und massenhaft Anleger schauten in die Röhre. Doch der „Trend“ erweist sich als substanziell, das nötige Wissen wird zugänglicher und das Missbrauchspotential geht stets zurück. Mittlerweile muss man sogar die Frage stellen, inwieweit das „neue Geld“ als krisenfeste Alternative für Zahlungsverkehr und Wertaufbewahrung dienen kann.

Zur Zeit der Pleite des ersten Bitcoinmarktplatzes Mt. Gox hat das Ganze für unbedarfte Beobachter den Eindruck gemacht, als könne jederzeit irgendein hochbegabter Hacker-Teenie in irgendeiner Garage dem ganzen System den Stecker ziehen – und dabei noch den Markt abräumen und die Anleger rasieren. Doch mittlerweile besteht für solche Vorbehalte nur noch wenig Grund. Die Kryptowelt wird für Normalos immer zugänglicher und sie erscheint auch nach und nach vertrauenswürdiger. Denn es hat sich gezeigt, dass es sich nicht um „wieder nur einen Abzockversuch“ sondern tatsächlich um den Versuch handelt, ein neues, besseres Geld zum Vorteil Vieler einzuführen. Und zwar als Alternative zum bestehenden, zum Vorteil Weniger gereichenden Geld.

Was hat sich getan in den letzten 4 Jahren? Nun, die Krypto-Kinderkrankheiten scheinen weitgehend ausgeheilt. Während die vielgepriesenen Vorteile damals eher mit Vorsicht und als Werbeversprechen zu behandeln waren, haben sie mittlerweile den Realitätscheck absolviert. Zumindest Bitcoin als wichtigste Währung hat sich als tatsächlich verlässliches Zahlungsmittel erwiesen und lässt in Ansätzen auch seine Tauglichkeit als Wertaufbewahrungsmittel erkennen. Die dezentrale Verwaltung der Marktdaten via „Blockchain“ zeigt sich tatsächlich als weitgehend manipulationsresistent. Wer in den Kryptomärkten versuchen will zu manipulieren oder gar die Kontrolle an sich zu reißen, muss unvorstellbaren Aufwand treiben und braucht im Grunde mehr Einfluss und Ressourcen als jedes Konzernkartell.

Es ist auch nicht (mehr) notwendig, über fortgeschrittenes IT-Wissen zu verfügen, um sich am Markt zu beteiligen. Ein solides Grundlagenwissen über die Strukturen und Prozesse reicht völlig. Es ist nicht mehr viel anders als im herkömmlichen Geldsystem: dort muss ich auch nicht wissen, wie die Banknote gedruckt oder der Datensatz der Überweisung verschlüsselt wird, um das System nutzen zu können. Was natürlich nicht bedeuten soll, dass Uninformiertheit und Unbedarftheit von Vorteil wären.  …

Auf einen Vorteil der wichtigsten Kryptowährung Bitcoin, der kaum erwähnt wird, obwohl er äußerst wichtig ist, macht Prof. Thorsten Polleit in seinem aktuellen Artikel aufmerksam: die Geldmenge, die bei den Kryptowährungen definitiv und endgültig gedeckelt ist. Ein Aufweichen oder willkürliches Ändern dieser Regel ist – anders als beim staatlich monopolisierten Fiatgeld – kaum möglich. Eine uferlose Verschuldung durch Ex-nihilio-Geldschöpfung ist damit ebenso unmöglich wie eine völlige Verwässerung der Währung durch Inflation. Ein Grund dafür ist die eben erwähnte dezentrale Verwaltungsstruktur ohne zentralplanerische Instanzen.

Einige Zweifel und Vorbehalte sind allerdings bis zum heutigen Tag nicht ausgeräumt. Da wären zum Beispiel die Kursschwankungen, die nach wie vor heftig ausfallen können. Doch diese sind nicht in irgendwelchen Technikmysterien begründet, sondern schlicht und einfach in Nachfrageschwankungen. Nach Ansicht von Prof. Polleit wird diese Volatilität umso mehr nachlassen, je mehr Bitcoin u. Co. sich im Mainstream etablieren, da dann ihr Spielraum für Spekulationen immer kleiner wird. Geht man noch einen Schritt weiter, könnte man die Volatilität dieser Kindertage sogar als Ausdruck der Instabilität des wackelnden Fiatgeldsystems interpretieren, die die Kryptowährungen lediglich ansteckt. Denn im Grunde ist es das aktuelle Fiatgeldsystem und nicht das Krypto-System, das mit den eben erwähnten Schulden- und Inflationsexzessen den riesigen Spielraum für Spekulationen und monströse Fehlinvestitionen schafft.

Ein weiterer nicht ganz auszuräumender Vorbehalt ist die Abhängigkeit der Krypto-Märkte von einer funktionierenden Dateninfrastruktur. Was, wenn in einer Krise komplette Serverfarmen ausfallen? Nun, hier können wir nur spekulieren: nehmen wir mal den Worst Case von großflächigen Stromausfällen weltweit an (was schon ein arg düsteres und nicht unbedingt zu erwartendes Szenario ist). Dann könnte es schon sein, dass große Guthaben einfach verschwinden. Doch das gilt in genau dem gleichen Maße auch für Guthaben in Fiatgeldeinheiten. Und die sind womöglich nur auf einem einzigen Server bei irgendeiner Großbank hinterlegt, während die Datensätze Ihrer Bitcoinguthaben über die ganze Welt verstreut und womöglich teilweise oder ganz zu retten sind. Wenn der Trend gegen das Bargeld und die Sachwerte sich weiter wie bisher fortsetzt, werden sich das Standardgeld und die Kryptowährungen in puncto EDV-Abhängigkeit sowieso nicht mehr unterscheiden. Im Gegenteil, das Vorteilspendel dürfte dann sogar zugunsten der „Kryptos“ ausschlagen.

Abschließend noch ein Hinweis zur vertiefenden Information: von einem Leser wurde uns Dr. Julian Hosp als Experte für Bitcoin u. Co. empfohlen. Und in der Tat, der Mann versteht es, den vermeintlich undurchdringlichen Dschungel aus technischem Fachchinesisch zu lichten. Hört man Hosp in diesem Podcast zu, wird schnell klar, warum man über die Kryptowährungen möglichst genau bescheid wissen sollte: weil sie mittlerweile in der Tat eine reale Chance sind, das eigene Vermögen an Staat und Bankensystem vorbei und dennoch legal zu bewahren und dabei auch noch die Vorteile der Edelmetalle damit kombinieren kann. In diesem Podcast erklärt Hosp alles wissenswerte rund um Bitcoin und Blockchain. Ab Minute 4 beginnt das eigentliche Interview.

Dennoch: auch wenn Kryptowährungen sicherer, praktikabler und attraktiver werden, dürfen sie natürlich nicht zur alleinigen Säule des Vermögens und der finanziellen Krisenvorsorge gemacht werden. Hier gilt es nach wie vor, ein diversifiziertes Portfolio mit einem großen Anteil an Sachwerten und Edelmetallen aufzubauen.

Bitcoin, Blockchain und Kryptoassets Berentsen

Lesetipp zum Thema: Bitcoin, Blockchain und Kryptoassets: eine umfassende Einführung, von Alexander Berentsen

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