Einmaleins der Selbstversorgung (Teil 1)

Wenn es die Menschen wieder nach draußen in den Garten zieht, ist das Schlagwort Selbstversorgung in aller Munde. Doch die Vorstellungen darunter sind vielfältig und eher schwammig. Klar ist jedenfalls eines: wer sich auf gesellschaftliche Krisen vorbereiten möchte, bei denen die etablierte Versorgung mit Lebensmitteln, Strom, Wasser und Medizin eingeschränkt oder gänzlich zusammengebrochen ist, muss bei entsprechendem Überlebenswillen zum Selbstversorger werden. Statt hier ins kalte Wasser zu springen, sollte man lieber möglichst früh experimentieren, damit das Wissen im Ernstfall sofort anwendbar ist.

Zur Selbstversorgung zählen zahlreiche Aspekte, weshalb im Folgenden eingegrenzt wird, was genau gemeint ist. Es klingt zunächst banal: man versorgt sich eben selbst, wie es jeder volljährige Mensch gemeinhin tun sollte.

In unserem Sinne ist jedoch eine ganz spezielle Lebensführung gemeint, in der Produzent und Konsument von Leistungen oder Waren identisch sind. Jemand, der Selbstversorger ist, agiert unabhängig von anderen Personen, Gemeinschaften oder Einrichtungen. Ist das in hochkomplexen Gesellschaften wie der unseren überhaupt möglich? Ja! Doch dazu braucht es ein umfassendes Verständnis, was Selbstversorgung im Detail ist.

Was heißt „Selbstversorgung“?

Selbstversorgung kann radikal verstanden werden, dass ein Individuum sich aus gesellschaftlichen Strukturen entfernt und vollkommen autark lebt. Wenn mehrere Individuen dies tun und miteinander interagieren, also z. B. Handel betreiben, spricht man von der Subsistenzwirtschaft – eine Ökonomie, die gerade in Krisenzeiten sinnvoll ist, weil eine Gruppe eben doch mehr Möglichkeiten hat als ein Einzelner. Oft wird Selbstversorgung auf den Anbau, die Ernte und Zubereitung von Gartenprodukten reduziert. Doch das ist nur die Hälfte – wenn überhaupt. Selbstversorgung beinhaltet nämlich, will man sie radikal praktizieren, alle Lebensbereiche.

Hier ein Überblick über sämtliche Bereiche der Selbstversorgung in Krisenzeiten:

Bereich der Selbstversorgung Relevante Themen
Nahrungsmittel Anbau von Obst und Gemüse, Verarbeitungsweisen, Einlagerung, Tierhaltung, Jagen, und Angeln, Kräuteranwendungen, Schädlingsbekämpfung, Wildfrüchte, Trinkwasseraufbereitung
Handwerk Bauen und Sanieren von Häusern und anderen Gebäuden, Energieversorgung, Wasserversorgung, Warmwasseraufbereitung, Heizung,
Kleidung Gerben, Nähen, Weben, Spinnen, Zwirnen, Filzen, Walken und Stricken
Medizin Erste Hilfe, Kräuteranwendungen und andere Anwendungen aus der Volksheilkunde
Genuss Brennen von Alkohol, Tabakanbau,
Hygiene Seifenherstellung
Selbstschutz und Verteidigung Nahkampf, Waffen, Verteidigungsstrategien, Aushebung von Posten, Alarmanlagen, Fallen
„Unterwegs“ Bau improvisierter Nachtlager, Lagerfeuer, Tarnen und Täuschen, Klettern, Verwundetentransport

 

Diese Auflistung ist sicher zu ergänzen, soll aber zunächst nur aufzeigen, wie viele Aspekte das Thema der Selbstversorgung umfasst. Menschen, die einen geregelten und organisierten Alltag haben, können sich nur schwer mit all diesen Aspekten auseinandersetzen, geschweige denn in allen angemessene Kompetenzen erwerben. Deshalb ist es wichtig, in Krisenzeiten Gemeinschaften zu gründen. Doch auch im Vorfeld kann man sich ausgewählten Themen annähern, sich belesen, Seminare besuchen oder selbst handanlegen.

Was kann ich jetzt tun?

Selbstversorgung ist ein Ideal. Ideale sind ihrer Natur nach unerreichbar. Deshalb sollte man bei Selbstversorgung keine zu strengen Maßstäbe anlegen. Wer in das Thema einsteigen will, sollte sich jenen Themen zuwenden, bei denen er von sich aus Interesse hat, also intrinsisch motiviert ist. Nicht jeder interessiert sich für Gartenbau; und nicht jeder hat Freude, sich mit Kampfsport und Kampfkunst zu befassen. Beide Themen sind für Krisenzeiten aber unabdingbar. Solange man die Freiheit hat, sollte man sich mit Themen befassen, bei denen ein natürlicher Wissensdurst vorhanden ist. Wer sich langfristig einen isolierten Rückzugsort aufbauen will, hat in Deutschland eher schlechte Karten. Dennoch kann man sich nach Grundstücken umsehen, die entfernt von der Infrastruktur liegen. Hierbei stößt man schnell auf die Grenzen der Selbstversorgung, denn um sich eine Nische zu schaffen, müssen gesellschaftliche Regeln eingehalten werden. Wer ein Grundstück besitzt, musste es zuvor kaufen und muss Steuern entrichten. Im engen Sinn ist das also keine Selbstversorgung. Die Besitzurkunde soll auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Krisenzeiten Besitzverhältnisse schnell geändert werden können.

Wer Selbstversorgung vor dem Hintergrund potentieller Krisen betreiben möchte, sollte die Möglichkeiten nutzen, die die Gesellschaft aktuell bietet. Gerade der Gartenbau kann auf dem Land auf größeren Grundstücken und in Städten in Stadt- oder Schrebergärten, auf Balkonen, Terrassen oder in den Wohnungen angegangen werden. Da es vor allem um das Erlernen von Fähigkeiten und Fertigkeiten geht, braucht man keine große Anbaufläche; lieber auf wenig Fläche effektiv wirtschaften und die Prinzipien des Gartenbaus lernen. Wer ein eigenes Haus besitzt, kann seine handwerklichen Fähigkeiten verbessern, indem er Probleme selber angeht, statt immer den Handwerker zu rufen. Zur Volksheilkunde gibt es viel Literatur. Hier ist breites Wissen gefragt. Neben westlichen Konzepten kann man sich auch in die Traditionelle Chinesische Medizin einarbeiten, die eine jahrtausendalte Erfahrungsmedizin ist.

Selbstversorgung sollte ein Ideal sein, das im Alltag mehr Souveränität und Autonomie gestattet. Wer früh lernt, Probleme und Herausforderungen selbstständig und mit minimaler Hilfe von außen zu lösen, der wird in Krisenzeiten besser vorbereitet sein als Menschen, die nur über Selbstversorgung lesen, aber sich vor eigenverantwortlicher Arbeit scheuen.