Finanzkrise: Banken-Dämmerung – die bunte Trickkiste der „Retter“

Die Griechenlandkrise geht in die nächste Verlängerungsrunde, die italienische Bankenkrise nimmt wieder Fahrt auf und auch in Spanien werden die Bankenpleiten immer kreativer verschoben. „Zum Glück“ können wir uns immer noch auf die EU-weiten Banken- und Finanzmarktregeln mit ihrer Flexibilität verlassen. Erweist sich eine finanzielle Rettungsmaßnahme als wirkungslos, wird kurzerhand das erzielte Endergebnis zum Zwischenergebnis umerklärt, überschrieben und zur weiteren Nachbesserung freigegeben. Man kann sich diesen wunderbar fehlertoleranten Fortschritt in etwa so vorstellen wie den Übergang von der Schreibmaschine zum digitalen Word-Programm.

Sie kennen das sicher noch: waren die entdeckten Schreibfehler früher nur mit viel Mühe und Tipp-Ex zu entfernen und hinterließen außerdem ein hässliches Chaos an Überschreibungsspuren, sind jetzt beliebig viele „Nachbesserungen“ in kürzester Zeit möglich, ohne dass der optische Oberflächeneindruck in irgendeiner Weise getrübt wäre.

So ähnlich funktioniert es mit dem „Management“ der Finanz- und Eurokrise: die Fehler von gestern können scheinbar beliebig oft nachgebessert werden, wobei abgesehen von Veränderungen der digitalen Zahlenwerte keine Spuren zurückzubleiben scheinen. Gut, es gibt da noch die „Kollateralschäden“, in den Ländern an vorderster Krisenfront, aber die können zumindest wir hierzulande ebenfalls jederzeit per Mausklick beiseiteschieben. Vielleicht ist es ja mehr als nur ein Zufall, dass der Weg von der „starren“ Vielfalt der Nationalstaatsregeln hin zum flexiblen, einheitlich zentralisierten Regularium einher geht mit dem digitalen Fortschritt.

Wo früher bei Problemen im Bankensystem noch echte Papierberge an Geldscheinen hin- und herbewegt oder mit weiteren Nullen bedruckt werden mussten, spart man sich heute diese Energie- und Reibungsverluste durch digital nachgebesserte Gesetze und per Mausklick korrigierte Bilanzen. Es war wohl früher tatsächlich nicht zuletzt wegen des logistischen und materiellen Aufwands nicht nur verboten, sondern auch schlicht unmöglich, eine bedeutende Bank mit einem Milliarden-Bilanzloch und einer erstickenden Last an faulen Krediten noch irgendwie zu „retten“.

Heute stehen offensichtlich keine Mauern mehr im Wege und die EU kann einfach eine „Neubewertung“ vornehmen, in der die Bank für „langfristig wieder profitabel“ erklärt wird und so eine bis dato „unmögliche“ weitere (und nun aber wirklich allerletzte) steuerfinanzierte Rettungsrunde einleiten. So jüngst geschehen im Falle der italienischen Monte dei Paschi. Nach der „Neubewertung“ der EU-Kommission:

ist diese völlig mit Schrott überladene kaputte Bank langfristig eigentlich gesund, und hat eine tolle Perspektive“.

Daher stimmt die EU-Kommission zu, dass die italienische Regierung, welche vorsorglich schonmal:

20 Milliarden Euro als pauschalen Rettungstopf bereitgestellt hatte, diesen nun auch nutzen kann.  Laut EZB braucht die Bank möglichst schon gestern 8,8 Milliarden Euro frisches Kapital. Die Bank möchte vom Staat 6 Milliarden Euro haben, und auch Geld von institutionellen Anlegern einsammeln. Durch die Geldspritze aus Rom würde der italienische Steuerzahler zu 70% Eigentümer der Bank.“

Wenigstens sind bei so einer Rettungsaktion auch die Kleinkunden dieser Banken aus dem Schneider. Oder vielleicht doch nicht? Laut des hier zitierten Finanzmarktwelt-Artikels nicht unbedingt. Denn nach den neuen EU-Regeln müssten bei Bankenrettungen mit Steuergeld die Anleihegläubiger von Banken „mit bluten, also Teile oder große Teile ihrer Forderungen verlieren.

Doch auch hier könnte die Flexibilität der EU-Regularien wieder ein kleines Wunderwerk vollbringen:

So schreibt man zwar, dass die normalen EU-Regularien weiter gelten – also Besitzer von Anleihen sollen an der Rettung beteiligt werden. Aber im Falle Monte dei Pachi könnte es laut EU-Text vielleicht sein, dass Käufer nachrangiger Anleihen (ganz am Ende der Nahrungskette) vielleicht beim Kauf der Anleihen fehlerhaft beraten wurden.

In diesem Falle könnte den Kleinsparern ein Umtausch von minderwertigen zu höherwertigen Anleihen ermöglicht werden, welche im Rettungsfall wahrscheinlich weniger an Wert verlieren. Die kreative Regeljonglage ist hier wirklich nötig, denn in Italien gibt es eine große Masse an Haltern kleiner Anleihepakete. Einerseits muss man hier den Sturmlauf der Steuerzahler verhindern, andererseits sollten nicht zu viele Bankkunden mit verdampften Anleihepaketen auf die Barrikaden gehen. Bürokratische Artistikeinlagen aus ständiger Neuinterpretation bestehender Regularien werden den Euro- und Bankenrettern wohl noch auf Jahre hinaus abverlangt werden und immer wieder nur kurze Atempausen verschaffen. Die im Zuge dieser jüngsten „Rettung“ aufgekommene Unruhe an den Anleihe- und Kreditmärkten Italiens spricht diesmal für eine besonders kurze Atempause.

Eine weitere Kostprobe gibt es zeitgleich aus Spanien – auch dort ist die Trickkiste der Retter groß und bunt. Die Dauerkrisenbank Banco Popular wurde dort in der Vorwoche von der EZB für faktisch pleite erklärt und in letzter Minute von der Banco Santander für einen Euro „notgekauft“. Das Rettungsmodell lautet hier „überschreiben in eine größere Bank, die die Konkursmasse aufsaugt und für ein Weilchen erstmal verschwinden lässt“. Aus den Augen, aus dem Sinn, eben smart und digital. Ganz frei von Reibungsverlusten ist dieses Korrekturmanöver allerdings nicht:

denn die Besitzer nachrangiger Anleihen der Banco Popular wurden enteignet, es gab keinen bail-out. Und das sorgt für Unruhe auch bei den Haltern von Aktien oder Anleihen anderer spanischer Banken. Im Fokus nun die achtgrößte spanische Bank, die Liberbank.

Hier hat man sich also für die Steuerzahler und gegen die (Klein)anleger entschieden. Dumm nur, dass diese beiden Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf die Menge an Personen eine ziemlich große Schnittmenge haben. Und dumm auch, dass sowohl in Italien als auch in Spanien die nächsten Rettungskandidaten schon Schlange stehen. Die Systemretter werden in den nächsten Monaten alle Hände voll zu tun haben. Und das, obwohl „die globale Investorengemeinde Europa ungemein sexy findet nach dem Macron-Sieg … “.

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