Gestern noch Verschwörungstheorie: Wikileaks-Enthüllungen zur CIA

Seit Dienstag kann rein theoretisch alle Welt zuschauen, wie aus einer Verschwörungstheorie eine Faktensammlung wird. Wikileaks vermeldet die Veröffentlichung von gehackten CIA-Geheimdokumenten, die offenlegen, dass der Geheimdienst ein global umfassendes Hacking-Programm vorantreibt, das jederzeitigen Zugriff auf so gut wie jedes elektronische Gerät von nahezu jedem Erdenbürger anstrebt. Klingt wie aus einem schlechten Film, doch ist es wirklich noch eine große Überraschung, wenn „unsere Sicherheitsdienste“ mal wieder jeden Film unterbieten?

Zu dem Programm gehört unter anderem eine große Sammlung an Schadprogrammen,

welche der Geheimdienst nutzt, um beliebige Zielobjekte auszuspionieren. Dazu werden Endgeräte als Abhörstationen missbraucht, wie Apples iPhone, die Betriebssysteme Android und Windows, und sogar die Fernseher von Samsung, dessen Kamera und Mikrophone unbemerkt eingeschaltet werden.

Die Wikileaks-Dokumente beschreiben,

wie der US-Geheimdienst Fernseher als Abhörwanzen benutzt oder in Handys oder Bordcomputer von Autos einbricht. „Sie können Musik spielen oder komplett die Kontrolle über das Auto übernehmen und einen Unfall verursachen, wenn sie jemand umbringen wollen“, erklärt Computerexperte Ross Schulmer bei CNN.

Das berichtet in dieser Offenheit überraschenderweise die Tagesschau, allerdings nicht ohne direkt darunter einen Bericht zur angeblich gesunkenen Glaubwürdigkeit von Wikileaks zu verlinken. Andere Mainstreammedien federn die Wucht der Enthüllung mit ablenkenden Scheindebatten über russische Infiltrierungen und nationale Animositäten in der Geheimdienstdebatte ab.

Und auch sonst wird wohl in den nächsten Tagen die ganze Trickkiste aufgefahren werden, um die Wellen zu glätten. Die Merkels dieser Republik werden wohl kurz entrüstet mit dem Zeigefinger wedeln und Donald Trump zu mehr Demokratie und Transparenz ermahnen, dann kann „Deep State“ wieder in aller Ruhe zurück zu seiner Hintergrundarbeit. Man sollte jedenfalls die Hoffnungen nicht allzu hoch hängen, dass jetzt eine Lawine anrollt und endlich eingestanden würde, dass hinter den Kulissen vieles völlig anders läuft als offiziell verkauft. Die Lückenmedien werden eher im Gegenteil nur eine weitere Betäubungspille daraus drehen. Wie das trotz immer neuer Aufdeckungen weiter funktionieren kann, führt gerade der bildungsbürgerlich angehauchte Gebührenfunk immer wieder eindrucksvoll vor – so wie hier beim MDR Kulturradio:

Als der Schriftsteller Robert Anton Wilson in den 1970er Jahren zusammen mit Robert Shea die Romantrilogie Illuminatus! veröffentlichte, trafen sie den Nerv eines paranoiden Amerikas. Der Watergate-Skandal erschütterte das sowieso schon geringe Vertrauen in die politische Führungsriege und sorgte für die Entstehung zahlreicher Verschwörungstheorien. Um es mit Wilson zu sagen: „Wenn die Politik der Lüge normal wird, werden Paranoia und Entfremdung zum Normalfall des Alltags“. Heute können Populisten und Verschwörungstheoretiker durch das Internet noch schneller ihr Publikum erreichen. Aus Chaos und Informationsüberfluss extrahieren sie einfache Antworten und Erklärungsmodelle. Eine gute Zeit, sich an Robert Anton Wilson und die Operation Mindfuck zu erinnern.“

Sehen Sie den Kniff? Das Aufdecken immer neuer Lügen und Täuschungen wird hier so dargestellt, als ob es mit den entsprechend kursierenden Verschwörungstheorien gar nichts zu tun hätte. Und warum funktionieren solche manipulativen Tricks ausgerechnet in gebildeten Milieus so gut? Weil dort vielleicht zu schmeichelnde Eitelkeit vorzufinden ist – meist verbunden mit ausgeprägtem Hochmut gegenüber all den leichtgläubigen, ungebildeten und natürlich auch moralisch unterlegenen Paranoikern. Da braucht es nur ein bisschen Bauchpinselei und wenn alles einigermaßen komplex und „reflektiert“ aussieht, kann im Grunde jeder Unfug untergebracht werden.

Dabei ist eine Verschwörung ja eigentlich nichts weiter als eine gezielte Täuschung der Öffentlichkeit, um illegitime und antidemokratische Machenschaften zu vertuschen. Wie zum Beispiel den durch Snowden und Wikileaks aufgedeckten Kontroll- und Allmachtswahn von NSA und CIA (und natürlich diversen Nicht-US-Geheimdiensten und -Institutionen, um jetzt dem unvermeidlichen Antiamerikanismus-Vorwurf vorzugreifen). Die Machenschaften drehen sich natürlich fast immer darum, mehr Geld und Macht in den Händen der jeweiligen Verschwörerclique zu konzentrieren. Wie blind muss man eigentlich sein, um ernsthaft zu vertreten, dass es solche Machenschaften nicht gäbe? Wie naiv muss man sein, heutzutage immer noch zu glauben, dass Militär und Geheimdienste vor allem damit beschäftigt seien, Schaden von uns und dem Rechtsstaat fernzuhalten?

Vielleicht ist ja einfach nur der sprachliche Ausdruck das Problem: „Verschwörung“, „Verschwörer“, das klingt so theatralisch. Vielleicht denken deshalb die meisten Mitbürger dabei reflexhaft an Fiktionen oder Märchen. Wie wäre es mit einer kleinen sprachlichen Anpassung: nennen wir das Ganze doch einfach „Kungeleien“, „Seilschaften“, „Machenschaften“ oder „korrupten Filz“. Das klingt dann vielleicht ein bisschen verniedlichend nach Provinz und CSU, löst aber immerhin nicht gleich so viele Furcht- und Abwehrreflexe aus. „Organisierte Kriminalität“ wäre eigentlich auch passend, doch das wird den manchmal globalen Dimensionen ebenfalls nicht gerecht und könnte auch irgendeinen plumpen Hells Angels Zuhälterhaufen beschreiben.

Nun aber zurück von der sprachlichen Theorie zu den praktischen Konsequenzen: „Sollen wir jetzt alle zu paranoiden Aluhut-Trägern werden?“ So in etwa lautet die ziemlich dumme Suggestivfrage, die uns jetzt in den Lückenmedien überall begegnen wird. Als ob dies die einzige Alternative dazu wäre, weiterhin „unseren“ Konzernen, Regierungen und Geheimdiensten blind zu vertrauen und jedem neuen Technik- und Vernetzungshype begeistert und blind hinterherzurennen. Nein, es geht „nur“ um Wachsamkeit und kritische Distanz. Und dazu gehört definitiv die Frage, ob man wirklich immer und überall per W-Lan, GPS und Bluetooth „connected“ sein muss. Oder ob die Webcam wirklich immer in Betriebsbereitschaft sein muss.

Wenn Ihnen die Risiken zu abstrakt oder weit hergeholt scheinen, sollten Sie vielleicht mal einen Blick auf die sehr erfolgreiche Science Fiction Serie Dark Mirrors werfen. Die ist zwar (zum Glück noch) überwiegend Fiktion, wie der Name ja schon sagt, vermittelt aber diverse erschreckend überzeugende und realistische Eindrücke, wohin der Weg der Totalüberwachung und des „blind und begeistert hinterherrennens“ in nur wenigen Jahren führen kann. Eins können wir Ihnen garantieren: selbst wenn die jüngsten Wikileaks-Enthüllungen Sie nicht überzeugen, werden Sie Ihre Webcam nach dieser Serie garantiert mit anderen Augen betrachten …

Schreib einen Kommentar