Katar: Rohstoffe, Intrigen, Krieg

Vorige Woche hatten wir die Hintergründe der geopolitischen Krise in und um Katar nur grob angedeutet. Diese Woche hat sich der aufgewirbelte Staub etwas gelegt, sodass sich die Vorkommnisse besser einordnen lassen. Besonders gut passen sie – welch Überraschung – als Puzzleteil im geopolitischen Ränkespiel, dass direkt in den nächsten imperialen Rohstoffkrieg der USA führt. Wobei es diesmal weniger um neue Rohstoffquellen als das Ankurbeln der US-Binnen-Kriegswirtschaft geht. Denn wie es mittlerweile aussieht, nimmt Trump für eine weitere, vielleicht letzte Industrie-Scheinblüte, die zumindest seine Amtszeit übersteht, jeden Preis in Kauf.

Das der Affront der Saudis gegen Katar nichts mit dem kolportierten „Kampf gegen Terrorismusunterstützer“ zu tun hat, ist jetzt auch bei „renommierten“ Agenturen wie Bloomberg Stand der Meinung. Bloomberg zitiert Jim Krane, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Rice University in Houston (Texas), dass „Riad Doha schon seit langem „die Flügel beschneiden““  wolle:

Diese Möglichkeit sei aber erst nach dem jüngsten Besuch des US-Präsidenten Donald Trump in Saudi-Arabien aufgetaucht, als jener „alle Völker mit Gewissen“ dazu aufrief, „den Iran zu isolieren“. Katar habe dem nicht öffentlich zugestimmt, wonach ihm das Königreich Vergeltung versprochen habe. Mit großer Wahrscheinlichkeit habe der US-Präsident Riad im Tausch gegen 105 Milliarden Dollar schwere Rüstungsaufträge Handlungsfreiheit in Bezug auf Doha gewährt.

Den Saudis ging es dabei nicht nur um die Aufrüstung, sondern auch um das weltweit größte Erdgasfeld, dass sich Katar mit dem Iran teilt. Im Idealfall möchten die zuletzt finanziell in Bedrängnis geratenen Saudis hier die Kontrolle übernehmen und mit Katar einen aktiven „Akteur aus der politischen Landkarte des Nahen Ostens“ verdrängen. Das diene „nicht allein den Wirtschaftsinteressen Saudi-Arabiens, sondern auch Washingtons politischen Zielen – zumindest den heutigen.

Auch im Krisenfall Katar werden politische und religiöse Differenzen in den Vordergrund gestellt, während Rohstoff- und Rüstungsinteressen nur eine Nebenrolle zu spielen scheinen. Die Wirklichkeit sieht hier (und auch sonst) umgekehrt aus: Geld, Rohstoffe und Waffen sind – in dieser Reihenfolge der Bedeutung – der eigentliche Antrieb, während religiöse und politische Differenzen hochgekocht werden, damit die stellvertretenden Akteure auf den Schlachtfeldern mit mehr emotionaler Kraft zu Werke gehen. Hier gibt es zwar noch kein militärisches Schlachtfeld, doch das könnte sich dann ändern, wenn der Iran als böser Verbündeter Katars, Syriens und Russlands im Zuge dieser Krise als nächstes Interventionsziel der westlichen Streitkräfte erkoren wird.

Man kann diesen „Zwischenfall“ durchaus als propagandistische Einstimmung auf solch ein weiteres Kriegsopfer sehen, das Donald Trump dem kriegsmüden Volk mit besonderer PR-strategischer Raffinesse verkaufen wird. Er weiß, dass es keine andere Option gibt, den Niedergang der US-Realwirtschaft und das Platzen der Blasen des US-Finanzsystems aufzuhalten. An dieser (selbst verschuldeten) Alternativlosigkeit hat sich nie etwas geändert. Trump hatte lediglich während des Wahlkampfes den Anschein erweckt, er könne andere Wege zu Steuerentlastungen, Einkommenssteigerungen und Rettung der Binnenwirtschaft einschlagen. Das wäre jedoch nur möglich, wenn die versprochene Austrocknung des riesigen Selbstbereicherungs-Sumpfes ernst gemeint gewesen wäre. Doch das war sie nie. Stattdessen hat sich längst herausgestellt, dass Trump die korrupten Seilschaften der Wallstreet, der Washingtoner Think Tanks und des Militärisch-Industriellen-Komplexes keineswegs antastet. Im Gegenteil, Trump lässt gelegentlich einen entbehrlichen symbolischen Kopf rollen und wirtschaftet abgesehen davon den ultrareichen Kreisen noch effizienter in die Taschen als jeder Amtsvorgänger bisher.

Warum fällt ein großer Teil der US-Öffentlichkeit aller Voraussicht nach wieder auf die alten PR-Tricks herein? Zum einen, weil sie sich durch Nebelkerzen wie das gekündigte Klimaabkommen gern ablenken lässt, zum anderen weil die PR das verständliche Wunschdenken bedient, eine große Krise im Ausmaß der Depression der zwanziger Jahre könne noch schmerzarm abgewendet werden. Die Ablenkung leitet dabei die kollektive Wahrnehmung – wie gehabt – auf äußere Feinde als Ursache interner Probleme um. So behebt die Kündigung des Pariser Klimaabkommens angeblich die ungerechten Benachteiligungen Amerikas vonseiten der bösen Auslandskonkurrenz ebenso wie die Kündigung des transpazifischen Freihandelsabkommens TIPP.

Nach Ansicht des Politik- und Finanzanalysten Ernst Wolff ist Donald Trump aktuell vor allem damit beschäftigt, den USA sowohl wirtschaftlich als auch politisch eine Opferrolle auf den Leib zu schneidern. Wolff sieht dabei deutliche Parallelen der US-Politik zu den Phasen kurz vor Eintritt in die beiden Weltkriege.

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass wir nun wieder kurz vor einem solchen stehen. Es ist jedoch sehr Ernst zu nehmen, dass Präsident Trump in hemdsärmelig-unbedarfter Weise im außenpolitischen Feld immer mehr Feuer legt, um von den Brandherden im inneren abzulenken. Besonders gefährlich dabei ist, dass dieser Rest der Welt die Provokationsbälle wesentlich aggressiver zurückspielt als bei vorherigen US-Präsidenten. Das liegt nicht nur an Trump persönlich. Es gibt zurzeit sehr viele Regierungen, die gern auf äußere Feinde und „Schuldige“ zeigen, um von internen Problemen abzulenken. Das diplomatische Gefüge zwischen den Nationen steht nicht nur auf der arabischen Halbinsel, sondern auf der ganzen Welt unter besonderem Druck.

 

Lesetipp zum Thema: Der direkte Weg in den Dritten Weltkrieg, von Peter Orzechowski

 

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