Kinder, Krisen und Autonomie (Krisenvorsorge mit Kindern Teil 3)

In der vergangenen Woche zeigten wir, dass Fordern und Fördern kindlicher Autonomie die Grundlage für den Umgang mit Krisen darstellt. Kinder müssen bereits eigenverantwortlich denken und handeln, um in Krisen, wenn Teile ihrer schützenden Umgebung wegfallen, handlungsfähig zu bleiben. Es ist für verantwortliche Vormünder wichtig, das Autonomiestreben durch konkrete Methoden, Spieleangebote oder Belehrungen im Alltag einzubringen und zu kanalisieren. Hier zeigen wir wie.

Kinder entwickeln von sich aus ein Streben nach Autonomie, nach Unabhängigkeit vom Elternhaus oder von althergebrachten Werten und Normen. Sie sind schon früh damit beschäftigt, die Welt selbstständig zu erkunden und zu deuten. Im Jugendalter finden Abgrenzungsbemühungen statt, eine eigenständige Identität soll entstehen und man versucht, sich von den Rollenerwartungen der Eltern loszusagen sowie eigene Rollen in der Gesellschaft auszufüllen.

Dieses Autonomiestreben, das sich in jeder Phase des Heranwachsens zeigt, sollte von den Erziehungsverantwortlichen gefordert und gefördert werden, um die Kinder oder Jugendlichen auf krisenhafte Situationen vorbereiten zu können. Hierfür gilt es, die Kompetenzen, die in der vorherigen Woche vorgestellt worden, zu entwickeln. Im Folgenden werden zwei Möglichkeiten vorgestellt, wie Kinder und Jugendliche zu eigenständigem Denken, Urteilen und Handeln befähigt werden können.

Autonomie im Alltag

Damit Kinder lernen, sich selbst zu vertrauen und selbstständig zu handeln, brauchen sie Vorbilder, die eben jene Kompetenzen besitzen und vorleben. Will man Kinder langfristig auf Krisen vorbereiten, gilt es, den Geist der Kinder und Jugendlichen zu stärken. Im Alltag sollte man die Kinder regelmäßig nach Erlebnisse befragen: Was hat ihnen an einem Tag besonders gut gefallen? Was nicht? Welche Gefühle hatten sie bei einem Ereignis? Was wünschen sie sich für die Zukunft? Diese Fragen sind Selbstzweck und Mittel zum Zweck: Zum einen erfährt man so etwas von der Lebenswelt der Heranwachsenden. Zum zweiten lernen die Kinder ihre Erfahrungen zu reflektieren und somit stärker ihren Gedanken und Gefühlen zu vertrauen. Sie beurteilen Situationen im Nachhinein und legen eigene Wertmaßstäbe an. Das ist ein wichtiger Teil in der Autonomieentwicklung. Eine andere Möglichkeit besteht im Vereinbaren von Regeln für den Alltag. Statt den Kindern Regeln vorzusetzen, gilt es, diese gemeinsam zu definieren. So lernen Kinder schon früh, eigene Ansprüche zu begründen und auch durchzusetzen; ein weiterer Schritt zur Autonomie. Die Handlungsrahmen für Heranwachsende sollten nicht enger als unbedingt nötig sein.

Autonomie in Spiel, Entdeckung und Training

Der zweite Weg, Kindern Autonomie zu vermitteln (die sie auch in Krisen nicht verzweifeln, sondern pro-aktiv nach Lösungen suchen lässt), ist deren einüben in speziellen Zusammenhängen. Hier bieten sich Spiele, freies Entdecken in der Natur oder auch Training an, bei welchem man die Kinder an Krisenszenarien heranführen kann. Das Wichtigste von allen drei Ansätzen ist es, den Kindern Raum für ihr Verhalten zu lassen, also dass sie selbst nach Lösungen suchen, selber die Welt erkunden und auch selber lernen, Fehler zu erkennen und zu beheben. Die Erziehungsverantwortlichen sollten von der Rolle eines Menschen, der exakte Vorschriften gibt, zu einer Rolle eines Moderators finden. In Bezug auf ein Training zum Umgang mit Krisen kann man in der freien Natur dieses mit Spiel und Entdeckung kombinieren. Die Kinder sollen lernen, ihren eigenen Fähigkeiten und Lösungsansätzen zu vertrauen und bei Fehlern nach adäquaten Lösungen selbstständig zu suchen. Als Erziehungsverantwortlicher kann man Spiel, Entdeckung und Training am besten in der freien Natur verbinden. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die Erziehungsverantwortlichen ein Programm erdenken, mit welchem sie verschiedene Lehrthemen umsetzen können. Beispielsweise könnte jeder Samstag für ein paar Stunden dazu genutzt werden, gemeinsam in den Wald zu gehen und dort verschiedene Spiele zu spielen, die zugleich das Training für Krisenszenarien sein können. Ein Beispiel für einen Monat könnte so aussehen:

 

Samstag 1: Sammeln und Lagern von Kräutern und Beeren.

Samstag 2: Bau von provisorischen Unterkünften (Biwaken).

Samstag 3: Tarnen und Täuschen.

Samstag 4: Orientierung im Wald und am Himmel.

 

Natürlich gehen solche kleinen Bildungsprogramme vornehmlich mit jüngeren Kindern, die noch Freude am Spiel und am Entdecken haben. Bei älteren Kindern, gerade Jugendlichen, wird es schwer, wenn diese gänzlich andere Motive, Ziele oder Erwartungen als die Erziehungsverantwortlichen haben. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, indem z. B. Ausflüge in Camps, Kletterparks, Wanderungen oder Ähnliches angeboten werden.

Die genannten Beispiele dienen der Verdeutlichung, dass es grundlegend ist, in alltäglichen Erziehungssituationen oder Freizeitangeboten das Potential für das Fordern und Fördern krisenrelevanter Fähigkeiten und Fertigkeiten zu sehen.

Dieser Beitrag wurde unter Newsletter veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreib einen Kommentar