Niedrigzinsen – deshalb gibt es keinen Ausweg hin zur Normalität

Die Europäische Zentralbank tagt in diesem Moment. Und auch die anderen führenden Notenbanken verkünden demnächst wieder ihre Leitzins-Entscheidungen. Im Vorfeld wird wie üblich über Normalisierung, sprich Anhebung spekuliert, im Nachhinein wird wohl auch dieses Mal wieder flächendeckend verkündet, dass man leider doch noch eine Weile die lockere Geldpolitik betreiben müsse. Denn die Abhängigkeit der Konjunktur von der Billiggelddroge scheint ein systemimmanentes Problem, das nicht mit einem kalten Entzug gelöst werden kann. Andererseits wird sie – wie jede andere Sucht – langsam aber sicher schlimmer und ihre Folgen sind zunehmend schwer zu kontrollieren.

Immerhin versucht es die amerikanische Fed wacker: schon drei Mal seit Ende 2015 hat sie den Leitzins des US$ bislang angehoben. Doch selbst dieser Einsatz der Brechstange hält den Zins der Weltleitwährung auf gerade einmal einem Prozent. Und es sieht ganz danach aus, dass behäbige Konjunkturlokomotiven und nicht ganz so behäbige Schuldentürme auch dieses zarte Pflänzchen bald wieder einstampfen. Warum der immer wieder versprochene „Ausstieg“ aus den extremen Niedrig- und Negativzinsen jetzt unwahrscheinlicher denn je ist, fasst Prof. Thorsten Polleit in seinem aktuellen Kommentar zusammen:

Die jahrelange Niedrigzinspolitik hat zu einer Abhängigkeit der Volkswirtschaften von extrem niedrigen Zinsen geführt. Die künstlich niedrigen Zinsen haben dafür gesorgt, dass fällige Kredite durch neue Kredite, die einen niedrigeren Zins tragen, ersetzt wurden. Die Schuldner verringern dadurch ihre Zinskosten, und das erhöht ihre Ausgabespielräume. Man denke hier an private und öffentliche Haushalte, die weniger Zinsen zu bezahlen haben und so mehr Konsum- und Umverteilungszahlungen leisten können.

Es haben sich also längst alle Parteien an die Rahmenbedingungen der großen Fehlallokation angepasst – seien es Unternehmer, Investoren, Konsumenten oder öffentliche Haushalte. Das daraus entstandene Hauptproblem ist uns mittlerweile bestens bekannt: da man allenthalben den Versuchungen der Neuverschuldung zu Tiefzinsen nachgegeben hat, führt eine Zinsanhebung zu einem großflächigen Einbruch oder gar Totalausfall bei der Bedienung der laufenden Kredite. Das betrifft laut Polleit „vor allem die öffentlichen Haushalte, die Einsparungen und meist auch Steuererhöhungen aus politischen Gründen scheuen.“

Neben diesem weithin bekannten Problem bewirken steigende Zinsen noch etwas anderes: es „entweicht gewissermaßen die Luft aus den aufgeblähten Finanzmarktpreisen“, so Polleit. Besonders spürbar wird das in einem Nachgeben der (aufgeblähten) Preise von Anleihen und Immobilien. Da diese Assets einen großen Anteil im Portfolio vieler Banken einnehmen, führt jede Anhebung der Leitzinsen dort zu Buchverlusten in den Bilanzen.

Auch die Unternehmen sind betroffen, da ihre „günstigen“ Investitionen mit steigenden Zinsen weniger abwerfen. Viele der spekulativen Auf-Pump-Projekte müssen dann wieder zurückgefahren oder gar liquidiert und auf den Markt geworfen werden. Dadurch steigt, so Polleit, „der Verkaufsdruck auf den Märkten für Produktionsfaktoren (wie Firmenteile, Maschinen etc.)“. Diese Probleme der Firmen fallen in Form von Zahlungsausfällen, Bilanzlöchern, Solvenzproblemen und Vertrauensverlust auch wieder auf den Bankensektor zurück. Die nächste Bankenkrise ist immer nur ein paar Promille entfernt …

Polleits Fazit ist ernüchternd und erschreckend zugleich: die Zentralbanken werden eine Normalisierung der Zinsniveaus nicht schaffen, ohne die Volkswirtschaften in Rezessionen zu stoßen. Wie sich ein solcher Wachstumsstop auf das momentane Schulden-Finanzsystem auswirkt, möchte man sich lieber nicht zu genau ausmalen.

Es scheint keinen Weg mehr aus dem Tiefzins-Hütchenspiel hinaus zu geben. Wir stecken demnach in einer Falle. Da sich die Falle aber hierzulande noch halbwegs erträglich anfühlt, scheint der Änderungsdruck immer noch nicht zwingend und Beschreibungen wie diese hier muten dem geneigten Medienkonsumenten immer noch dramatisiert an. Viele dieser Zeitgenossen haben auch immer noch das Gefühl, der aktuelle Zustand könne ewig konserviert werden – und solle es besser auch. Doch der Lauf der Zeit lässt sich nicht anhalten, auch wenn es in einer Sackgasse manchmal diesen Anschein hat. Auch der Nicht-Weg des Abwartens und Gar-nichts-tuns führt zwangsläufig in einen anderen Zustand – aber eben unkontrolliert und drastisch. Das gilt natürlich nicht nur für Finanz- und Wirtschaftssysteme, sondern für alle Lebensbereiche.

Jetzt wollen wir natürlich alle gerne wissen: wohin führt der Weg des Festhaltens an Tiefzins und ewig billigem Geld? Kurz gesagt führt er dahin, wo dieses System zwangsläufig hingehört: in die natürliche Bereinigung. Die findet dann statt, wenn die Guthaben aller beteiligten Wirtschaftssubjekte auf den realen Bruchteil ihrer Nominalwerte zusammenfallen und mit dem Realwert der Schulden verrechnet werden. Dieser Moment der bitteren Wahrheit ist in der bisherigen Menschheitsgeschichte immer eingetreten. Oder, wie es John Embry bei Kingworldnews ausdrückt:

Historisch gesehen enden diese von Schulden angefeuerten Expansionen ausnahmslos schlecht. Und diese, welche eine wahrlich weltumspannende Dimension hat, wird sogar noch katastrophaler enden.“

Zwar muss nichts allein deshalb zwangsläufig passieren, weil es in der Vergangenheit immer so passierte, doch in diesem Falle spricht einfach rein gar nichts dafür, dass es diesmal anders als sonst laufen sollte. Denn wie schon erwähnt, lässt sich kaum ein Status Quo je auf ewig zementieren und zudem ist eine erfolgreiche unendliche Geldschöpfung auf einem endlichen Planeten ein wahrlich unwahrscheinliches Unterfangen. Erst recht wenn es das Problem gibt, dass:

es in einem von Schulden angeheizten wirtschaftlichen Wachstum immer größerer Mengen an Schulden bedarf, um dasselbe Wirtschaftswachstum zu erreichen – denn jeder Zyklus ist irgendwann reif.“ Und der aktuelle Zyklus der Überschuldung zu Null- und Minuszinsen ist mehr als reif.

Cover Graeber die ersten 5000 Jahre

Lesetipp zum Thema: Schulden – Die ersten 5000 Jahre, von David Graeber

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