Politik: Das Bankenrettungs-Business: mitverdienen an der Insolvenzverschleppung

Ein Thinktank aus Amsterdam schätzt die zwischen 2008 und 2015 in der EU-Bankenrettung „investierte“ Summe auf 747 Milliarden Euro. Diese Summe wurde aus den Staatskassen der EU-Mitgliedsländer aufgebracht. Hinzu kommen Bürgschaften und Garantien über knapp 1,2 Billionen Euro. Die Milliarden, die seitdem weiterhin an die Banken gingen, kann man vermutlich durch einfaches fortschreiben auf weitere gut 100 Milliarden taxieren. Außerdem liefert das Amsterdamer Institut namens TNI eine bislang noch nicht an die Öffentlichkeit gelangte, brisante Erkenntnis. Sie verrät, wohin die etwa 213 Milliarden geflossen sind, die wir definitiv jetzt schon abschreiben können.

Was bislang nur wenige wussten, bringt TNI jetzt ans Licht einer breiteren Öffentlichkeit: während man als naiver Ottonormalverbraucher bislang annahm, „unsere“ Finanzministerien würden die Geldvergabe in Zusammenarbeit mit der EU-Administration managen, stellt sich heraus, dass auch diese Regierungsaufgaben längst an private „Subunternehmer“ outgesourct sind. Es handelt sich dabei um das Oligopol der vier größten Wirtschaftsprüfer in der Finanzbranche: Ernst & Young, Deloitte, PricewaterhouseCoopers und KPMG.

Diese „Big Four“ haben in der EU einen Marktanteil von gut 60 Prozent und waren bzw. sind für die Verwaltung der wichtigsten „Rettungspakete“ verantwortlich. Der Thinktank TNI bezeichnet ihre Aktivitäten sehr vielsagend als „Bail Out Business“. Das ist ziemlich gut getroffen, denn wie so oft bei solchen „Joint Ventures“ zwischen Staat und Privatwirtschaft haben die Unternehmen gravierende Fehler begangen, für die sie jedoch nicht bestraft, sondern belohnt wurden:

Trotz gravierender Fehler bei der Bewertung der Kreditrisiken im EU-Bankensektor (einigen Banken wurden kurz vor ihren Rettungsanträgen trotz Milliardenverlusten Gewinne bescheinigt) beraten die Gesellschaften weiterhin die Staaten bei der Bankenrettung. So hätten die Big Four etwa hunderte Millionen Euro für Stresstests erhalten. Die Gesellschaften erwirtschaften Umsätze zwischen 20 und 40 Milliarden Dollar pro Jahr. Sie beraten nicht nur Staaten, sondern auch zahlreiche Unternehmen, darunter Coca-Cola, Amazon, Lufthansa, die Deutsche Bank, Pfizer oder Exxon.

Unsere Regierungen haben also die Organisation der Kredite und Rettungstranchen an private Consultingfirmen delegiert, die sich ihre Dienste gut bezahlen lassen und dabei so manchen Interessenskonflikt zugunsten der eigenen Privatschatullen entscheiden dürften. Einer dieser Konflikte dürfte beinhalten, die Rettungsorgie so lange fortzusetzen, bis die Staatskassen vollständig geleert sind. Das ist zwar nur so ein Verdacht, den wir nicht beweisen können, doch wie Sie gleich lesen werden, ist er nicht ganz unbegründet.

Zuvor müssen wir noch grundlegende Fragen stellen: Die Auslagerung von öffentlichen Angelegenheiten in die Privatwirtschaft wird ja meistens mit der Komplexität der Aufgaben und der angeblichen Effizienz privater Unternehmen gerechtfertigt. Wenn jedoch die Regierungen nicht genügend Kompetenz oder Organisationsgrad besitzen, um ihre Gelder selbst zu verwalten und zu verteilen, müsste dann nicht eigentlich ihre Existenzberechtigung per se hinterfragt werden? Und sollte sich außerdem nicht langsam herumgesprochen haben, dass die Effizienz in der Finanzbranche vor allem dann besonders ausgeprägt ist, wenn es um das Beiseiteschieben und Zweckentfremden von (Steuer)Geldern geht? Die vier genannten Beratungskonzerne haben das schließlich schon vorgeführt. Sie haben sich nämlich nicht nur hier, sondern auch an anderen Futtertrögen in der Nahrungskette des staatlich finanzierten Umverteilungssystems eingerichtet. In unserem Newsletterartikel vom 16.8.2016 haben wir ein anderes der lukrativen Geschäftsfelder kurz vorgestellt: das „Prüfen“ der Bilanzen fast aller maßgeblichen Banken der Eurozone. Und da hierbei nun mal massiv zugunsten der Kundschaft frisiert und aufgehübscht wird und es außerdem eine sehr bewegliche Drehtür der Macht zwischen den Wirtschaftsprüfern, der Hochfinanz und der Politik gibt, hegen wir nun mal den Verdacht, dass man auch bei der Logistik von Hilfskrediten für Südschienen-Banken gern mal fünf gerade sein lässt.

Falls Ihnen das jetzt zu polemisch klingt – der weithin anerkannte Finanzexperte und Buchautor Marc Friedrich ist ähnlicher Meinung und spricht von einem „Skandal sondergleichen“:

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (…) sind nicht nur diejenigen, die sozusagen die Banken vor der Krise beraten haben, das sind auch die, die sie danach beraten haben und die Regierung beraten haben, (…) Aus den Krisenverursachern wurden im Endeffekt auch die Krisengewinner. Die wurden jedes Mal bezahlt — vor der Krise, nach der Krise — und haben dem Bürger, dem Steuerzahler da ein Ei ins Nest gelegt, das wir bis zum heutigen Tag bitter bezahlen müssen. Eigentlich ein Skandal sondergleichen, weil die ganzen großen Wirtschaftsprüfergesellschaften nichts zahlen mussten. Die wurden nicht für ihre schlechte Arbeit und ihr Missmanagement zur Rechenschaft gezogen.“

Bei all den Skandalen, die wir in den letzten Jahren schon gesehen haben, könnte man diesen weiteren jetzt einfach achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Das Problem ist nur, dass die Wirtschaftsprüfer ihre eigentliche Aufgabe – der Stabilisierung des Bankensystems – nicht nur vernachlässigt, sondern überhaupt nicht gelöst haben. Die Banken in Spanien und Italien sind nach wie vor marode und auch die Deutsche Bank hat nach wie vor immense Probleme. Deshalb ändert Friedrich auch nichts an seiner bekannten Prognose:

Der nächste Crash wird kommen und er wird 2008 in den Schatten stellen und vor allem sind dann keine Europäische Zentralbank und auch keine Staaten mehr da, die dann, wie beim letzten Mal, die Krise nochmal auffangen können.

Cover Kapitalfehler

Lesetipp zu diesem Artikel: Kapitalfehler, von Matthias Weik und Marc Friedrich

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