Politik: Katar – die nächste Nahost-Eskalation

Die glühend heiße arabische Halbinsel fällt scheinbar über Nacht in eine diplomatische Eiszeit. Mittlerweile scheint es, als ob neue Krisenherde jederzeit und immer schneller ausbrechen. Der geopolitische Knall in Katar dürfte vor allem eine weitere Verschiebung von Fronten und Allianzen im Kampf um die Rohstoffe und Rüstungsgeschäfte in Nahost sein. In diesem Sinne passiert hier nicht wirklich etwas Neues. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese Krise entfaltet, ist jedoch atemberaubend und damit durchaus etwas Neues. Neu ist auch der gute Einblick, den der Zwischenfall auch dem Nichtexperten in den Nahost-Schlamassel verschafft.

Die trügerische Ruhe an den Finanzmärkten wird heftig gestört. Schon wieder scheint eine neue alte politische Wunde am Persischen Golf aufzureißen. In der superreichen Golfmonarchie Katar geht es seit Anfang dieser Woche plötzlich drunter und drüber. Am Montag, dem 5. Juni haben Saudi Arabien, Bahrain, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre diplomatischen Beziehungen mit Katar gekündigt. Das beinhaltete auch eine Unterbrechung fast aller Land-, See- und Luftverbindungen von und nach Katar. Zudem schlossen die Saudis die katarischen Streitkräfte aus ihrer Allianz im Krieg gegen den Jemen aus. Der Vorgang gilt als schwerste diplomatische Krise in der muslimischen Welt seit fast 40 Jahren.

Die Spannungen zwischen Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar hatten seit dem Staatsbesuch von Donald Trump auf dem arabisch-amerikanischen Gipfel in Riad schlagartig zugenommen. Offizieller Grund dafür sind die laut gewordenen Vorwürfe, Katar

unterstütze eine Reihe von Terroristen und sektiererischen Gruppen, die das Ziel haben, die Region zu destabilisieren, einschließlich Moslembruderschaft, ISIS und Al-Kaida. Außerdem propagiere das Land die Botschaften dieser Gruppen durch ihre Medien andauernd. Gemeint ist der Nachrichten- sender Al Jazeera, der aus der katarischen Hauptstadt Doha sendet. Katar hat diesen Schritt als „Kampagne der Anstiftung“ bezeichnet, die „auf Lügen basiere“.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man lauthals lachen, dass diese Vorwürfe von Regierungen wie Saudi Arabien vorgetragen werden. Eine Farce, die vermutlich vom – auch unter Trump nach wie vor – obersten Terrorsponsor der Welt nach dem Treffen in Riad vorgegeben worden war. Vermutlich soll der Weltöffentlichkeit der Eindruck vermittelt werden, die westliche Allianz mit ihren arabischen Verbündeten mache jetzt endlich mal Ernst mit dem ausräuchern der Terrornester.

Glauben werden es vermutlich nur noch die Massenmedien. Ein weitaus wichtigerer Eskalationsfaktor dürfte denn auch ein ganz anderer Zwischenfall gewesen sein: eine von Nachrichtenagenturen verbreitete angebliche Depesche des Emirs von Katar, in der er sich freundlich gegenüber dem Iran äußert und die Gründerschaft des Wahabismus seinen eigenen Vorfahren zuschreibt. Für das saudische Königshaus ein heftiger Affront, der nach Ansicht mancher Beobachter gar als Kriegsgrund hergenommen werden könnte. Die interessante Theorie, nach der es wieder einmal (die anscheinend omnipräsenten) russischen Hacker gewesen sein sollen, die die Nachricht gefälscht und verbreitet hätten, ist dabei ein netter Nebenschauplatz und dürfte die Wogen kaum noch glätten.

Wird Katar also der nächste Brandherd entlang der alten Spaltungslinien zwischen Schiiten und Sunniten, Saudis und Iran, Militärisch-industrieller-Komplex-NATO-West-Allianz und Kreml-gelenkte Ost-Allianz? Einer Wunde und Spaltenzone, die bereits von den britischen Kolonialherren zu Zeiten eines Lawrence von Arabien nach Kräften aufgerissen wurde? Katar soll offenbar als Sündenbock für seine echte oder vermeintliche Terrorunterstützung und seine Annäherung an den Iran „bestraft“ werden, während es im Hintergrund um den Verlauf von Ölpipelines, um Öl- und Erdgaslieferungen und -Verträge sowie selbstverständlich auch um Militärbasen geht. Dieses Teile- und Herrsche Spiel ist nichts neues und leider eine der Geschäftsgrundlagen unseres extrem rohstoffhungrigen globalisierten Wirtschaftssystems.

Wird dieser neue Krisenfall nun auch „für uns“ gefährlich? Ja und nein, er ist und wird in etwa so gefährlich, wie es die seit vielen Jahren andauernde Eskalation auch bisher schon war. In dieser Hinsicht gibt es an dem Ereignis also auch nichts wirklich neues. Wenn wir etwas Neues aus dem Ereignis „für uns“ ziehen können, dann ist es der besondere Einblick, den es liefert: durch die Beteiligung so vieler Staaten und Interessensgruppen wird eine Übersicht über den ansonsten kaum zu durchblickenden Wirrwarr an Nahost-Protagonisten möglich. An den verschiedenen Anfeindungen und Beschuldigungen, lassen sich im Moment so klar wie selten die Gruppen, Feindschaften, Allianzen, Puppenspieler und Hintergründe erkennen – sogar in manch kurzem Oberflächenartikel der Mainstreammedien. Wer jetzt bei diesem Konflikt genauer hinschaut, erhält ein halbwegs entzerrtes Nahost-Gesamtbild und wird künftige Nahost-Berichterstattung – die sehr bald wieder fragmentierend und irreführend werden wird – besser einordnen und verstehen können.

Schreib einen Kommentar