Serie Teil 1: Der Kollaps Argentiniens 2001 – wie sich die Bilder gleichen

Sie lesen hier den ersten Teil einer vierteilige Serie über den Staatsbankrott und die Wirtschaftskrise in Argentienien von 2011.

Straßen und Plätze dicht gefüllt mit Menschen, die „Haut alle ab!“ skandieren, Vermummte, die die Straßen mit brennenden Autoreifen gegen den Vormarsch der Ordnungskräfte blockieren, Frauen, die mit großen Einkaufstaschen die Glasfronten von Geschäften zerschlagen, Kaufhäuser stürmen und Essen in ihre Taschen packen … diese Bilder sind noch gar nicht so lange her. Gemeint ist nicht Griechenland 2011, sondern Argentinien 2001.

Das nervenzerfetzende Geräusch, als tausende von Kochlöffeln auf Töpfe schlagen, verbindet sich mit diesen Bildern. Als die Polizei eine nächtliche Ausgangssperre brutal durchsetzt, blieben die Leute zwar daheim, aber aus den offenen Fenstern drang das prasselnde Donnern der Topfschläge. Die Nachrichtensendungen in der ganzen Welt zeigten die Filmsequenz, wie der argentinische Präsident Fernando de la Rúa per Hubschrauber vom Dach des Regierungspalastes vor den anrückenden, wütenden Bürgern flieht. Was damals für uns wie aus einer anderen Welt wirkte, rückt täglich näher. Ähnliche Bilder sehen wir aus Griechenland, Spanien und England: Die Vorboten eines Zusammenbruchs.

Argentinien trieb 2001 in den Staatsbankrott, 2002 kämpften die Menschen ums Überleben. Das ist jetzt zehn Jahre her. Was können wir aus dem Zusammenbruch Argentiniens lernen? Ist die Situation vergleichbar? Wie reagieren Menschen auf solch ein Desaster? Welche Lösungen fanden sie? Wie steht Argentinien heute da?

Die Bilder gleichen sich, ob Athen oder Buenos Aires, ob Syntagma-Platz oder Plaza de Mayo: Steinewerfende Demonstranten, brennende Abfalleimer, junge Männer, die Absperrungen zu überwinden versuchen, Polizisten mit Schilden und Knüppeln, die sie davon abhalten. Polizisten auf Pferden, die das tobende Volk auseinandertreiben, Tränengas und Wasserwerfer – ein schrilles Alarmsignal, dass es nicht mehr lange gutgehen wird: Das Volk steht auf.

Am 23. Dezember 2001 erklärte Argentinien den Staatsbankrott. Knapp 10 Jahre später wurden in Europa verzweifelte Verhandlungen um einen Schuldenschnitt Griechenlands geführt, um zu verhindern, was in Argentinien seinen Lauf nahm.

Wie kam es in Argentinien dazu?

Der Kurs in Richtung Inflation begann schon in den 1980er Jahren, und steigerte sich zu einer galoppierenden Geldentwertung. Die Preise für Nahrungsmittel stiegen irgendwann mehrmals am Tag. Die Regierung wusste sich keinen anderen Rat mehr und koppelte den argentinischen Peso an den Dollar im Verhältnis 1:1. Damit konnte sie vorerst die Inflation zum Stillstand bringen.

Als aber in Mexiko, Rußland und im asiatischen Raum die Finanzkrise Ende der 1990 Jahre ausbrach, stieg der Wert des Dollars rapide an, und damit auch der Peso. Das machte argentinische Exporte teuer, und ließ den Außenhandel einbrechen. Doch es kam noch härter: Brasilien, der wichtigste Handelspartner Argentiniens wertete seine Währung ab, und die argentinischen Exporte kamen fast zum Stillstand und die Folge war eine Rezession. Fabriken schlossen reihenweise oder mussten Massenentlassungen vornehmen, die Arbeitslosenzahlen schossen wie die Staatsschulden in die Höhe.

Ein Weg, der heute in allen Ländern der EU mehr oder weniger beschritten wird.

Damals veröffentlichte der Stern einen Artikel, der mit den harschen Worten beginnt Das ganze Jahr haben sich Argentiniens Eliten über einen Ausweg aus der Krise gestritten und dabei den Karren nur immer noch tiefer in den Dreck gefahren.
Kommt Ihnen das bekannt vor?

Die Argentinischen Banken kamen in Schwierigkeiten, weil – wie heute in den defizitären EU-Ländern – der Staat seinen Schuldenstand in enorme Höhen getrieben hatte, und auf dem freien Markt keine Gelder mehr geliehen bekam – die Banken mussten die faulen Staatsanleihen aufkaufen. Aber auch, weil die verarmende Bevölkerung versuchte, sich zunehmend mit Krediten über Wasser zu halten. Kredite, die sie aber nicht zurückzahlen konnte. Immobiliendarlehen wurden massenhaft notleidend, es kam zu Bankenschließungen. Das Vertrauen der Bevölkerungen in die Geldhäuser schwand. Eine Entwicklung, die auch hier in der EU langsam an Fahrt aufnimmt. Auch in der EU beobachtet man mancherorst einen langsamen Bankrun.

Die Argentinier holten ihr Geld von der Bank und bewahrten es zu Hause auf. Wer ein bisschen mehr hatte, transferierte es ins Ausland, vorzugsweise in Dollar. Die Kapitalflucht verschärfte das Bankenproblem, und so sah sich die Regierung gezwungen, die Abhebungen auf 250 Pesos pro Woche zu beschränken. Diese Entscheidung des Wirtschaftsministers Domingo Cavallo war der Zündfunke, der das Pulver zur Explosion brachte: Kleine Unternehmer und Geschäfte, die bisher noch existieren konnten, mussten schließen. Sie konnten keine Waren einkaufen und keine Löhne ausbezahlen.

Erboste Kunden stürmten die Banken, schlugen wütend Fenster und Türen ein. Die Geldhäuser verbarrikadierten sich mit Metallplatten und Holzplanken vor dem Volk. Niemand kam an sein Geld. „No hay dinero!“ – „es gibt kein Geld!“ war der Schreckensruf dieser Zeit und die tägliche Sorge jeden Tages. Arbeiter bekamen ihre Löhne nicht ausgezahlt, Lastwagenfahrer weigern sich, ihre Ladung abzugeben, weil sie kein Entgelt erhielten, Landwirte liefern kein Getreide an die Mühlen, weil diese nicht bezahlen konnten.

Der Sturm auf das Parlament

Am 19. Dezember 2001, ein großes Jazzkonzert in Buenos Aires war gerade zu Ende gegangen, die Zuhörer klatschten begeistert, doch durch den abklingenden Applaus drang Lärm von draußen, aufgeregte Stimmen und metallisches Schlagen. Victoria, eine Besucherin des Konzertes ging mit ihren Freunden auf die Straße. Ein großer Zug von Demonstranten zog an ihnen vorbei, sie schlugen auf ihre Kochtöpfe und bewegten sich auf den großen „Plaza de Mayo“ vor dem rosafarbenen Regierungspalast zu. „Que se vayan todos!“ (Haut alle ab!) riefen sie immer wieder im Chor. Sie versammelten sich in einer riesigen Menschenmenge auf und um den Platz. Immer wieder schallte ihr zorniger Ruf den Politikern im Regierungsgebäude entgegen: „Haut alle ab!“

Es brannten Autoreifen, berittene Polizei prügelte und schoss in die Menge, über zwanzig Menschen fanden den Tod. Es dauerte eine Weile, bevor die Protestierenden begriffen, dass ihre eigene Polizei nicht mit Gummigeschossen, sondern mit echten Kugeln auf ihre Mitbürger schossen. Doch die Menge wich nicht. Die Menschen sangen die argentinische Nationalhymne, schrien die Zeile „In Glorie werden wir sterben!“ hinaus.
Am nächsten Tag floh Präsident de la Rúa mit dem Hubschrauber vom Dach des Regierungsgebäudes.

Am 23. Dezember 2001 war Argentinien offiziell bankrott.

Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung

Es kam überall zu Geschäftsplünderungen, weil die Menschen einfach kein Geld mehr hatten, um auch nur Nahrung zu kaufen. Mütter schickten ihre Kinder mit dem Auftrag in die Lebensmittelgeschäfte, sich einfach dort drinnen satt zu essen, bis sie hinausgeworfen wurden. Frauen bewaffneten sich mit großen Einkaufstaschen, stürmten gemeinsam in die Supermärkte, packten sich hinein, was sie greifen konnten und verschwanden wieder.

In der Stadt Concepcion del Uruguay filmte das Fernsehen eine solche Geschäftsplünderung und strahlte diesen Beitrag landesweit aus.

Die Arbeitslosigkeit lag teilweise bei 18-25% der arbeitsfähigen Bevölkerung. Eine Arbeitslosenunterstützung gab es angesichts leerer Staatskassen nicht. Die Regierung kündigt die Verteilung kostenloser Lebensmittelpakete an. Aber die öffentliche Moral war bereits schwer angeschlagen.Nicht nur Lebensmittel stahlen die hungrigen Menschen jetzt aus den Geschäften, auch Kühlschränke, Fahrräder, Fernseher, sogar die Ladeneinrichtungen wurden weggeschleppt. Die Familien kamen mit Autos, Schubkarren und Fahrrädern, um die Beute abzutransportieren. Viele der Plünderer sahen es als ihr Recht an, ihre nicht ausgezahlten Löhne auf eigene Faust „zurückzuholen“.

Vor den Banken standen derweil Hunderttausende Rentner Schlange, um sich ihre magere Rente abzuholen. So gut wie niemand bezahlt mehr Steuern.

Die Provinzregierungen versuchen derweil, dem Chaos mit Regionalgeld wenigstens etwas Einhalt zu gebieten und die schlimmste Not  in den Griff zu bekommen. Auf diese Weise konnten wenigstens die elementarsten Strukturen aufrecht erhalten werden.

Viele Argentinier verliessen damals ihr Land, weil sie keine Möglichkeit mehr sahen, ihren Lebensunterhalt anders als durch verzweifelte Aktionen von Tag zu Tag zu bestreiten. Die meisten gingen der Sprache wegen nach Spanien. Dort erleben viele von ihnen heute die Krise. Es ist nicht so schlimm, wie damals in Argentinien. Vielleicht sind die Europäer nicht so krisenerprobt, wie wir“ sagen viele

Andererseits hat die Krise in Spanien aber auch gerade erst wirklich angefangen.

http://m.fluter.de/de/geld/heft/10031/

Der Film von Fernando Solanas Memoria del Saqueo (Chronik einer Plünderung) zeichnet die Geschichte des Zusammenbruchs Argentiniens in dieser Zeit auf. Er zeigt, wie es dazu kommen konnte, und dass sowohl die damalige Regierung, aber auch die grauen Herren in den Vorstandsetagen der Weltbank und im IWF zur Ausplünderung des Landes  beitrugen. Es lohnt sich, den Film anzusehen. Die Parallelen zur Entwicklung in der EU sind nicht zu übersehen.