Süße Wunder ohne Reue: Xylit und Stevia

Xylit: Süß, lecker, und gesund

Der Name klingt chemisch, das weiße Pulver, das fast wie Zucker aussieht und auch so schmeckt, ist aber ein Naturprodukt. Es kommt in verschiedenen Pflanzen vor, zum Beispiel im Blumenkohl, im Mais, in Erdbeeren und Himbeeren, und im Holz von Birken, weshalb der Stoff auch „Birkenzucker“ genannt wird. Der süße Stoff wurde 1891 von dem deutschen Chemiker und späteren Nobelpreisträger Emil Fischer entdeckt, gleichzeitig und unabhängig davon aber auch von dem französischen Chemiker Bertrand. Xylit hat nur halb soviel Kalorien wie Haushaltszucker, aber enorme gesundheitliche Vorteile.

Anfangs wurde der Stoff aus den reichlich vorkommenden finnischen Birken gewonnen, heute verwendet man Maisspindeln dazu (also die Kolben, nachdem die Körner entfernt wurden). Er ist aber auch aus dem Einfachzucker Glukose herstellbar. Allerdings ist die Xylit-Gewinnung ein relativ aufwendiger Prozess im Gegensatz zur Herstellung von Haushaltszucker. Das macht das Produkt leider relativ teuer. Die Vorteile wiegen diesen Nachteil aber bei weitem auf.

Der Zuckeraustauschstoff Xylit (auch unter der Bezeichnung Xylitol im Handel) verursacht keine Zahnfäule. Im Gegenteil: Er tötet die zahnzerstörenden Bakterien (Streptococcus mutans). Die bösen Zahnschmelzkiller haben keine Chance mehr. Darüber hinaus verhindert das weiße Pulver auch Zahnfleischentzündungen, weil auch diese Erreger abgetötet werden. Bei Kindern beobachtet man eine Verringerung an Mittelohrentzündungen (von bis zu 40%), ohne dass die Wirkungsweise bisher gefunden wurde. Das ist noch nicht alles: Sogar die Knochendichte nimmt bei regelmäßigem Genuss von Xylit zu. Es bildet nämlich im Darm zusammen mit Calcium einen Molekülkomplex, und erleichtert die Aufnahme von Calcium im Körper. Man kann sogar eine Zunahme der Knochendichte auch noch im höheren Alter feststellen, wenn regelmäßig Xylit verzehrt wird. Normaler Zucker dagegen ist ein Calciumräuber und schädigt die Knochen.

In den siebziger Jahren führten finnische Forscher an der Universität in Turku eine berühmt gewordene Studie durch, bei der eine Gruppe von Probanden in allen Lebensmitteln statt gewöhnlichen Haushaltszucker den Austauschstoff Fruchtzucker zu sich nahm. Eine zweite Gruppe ersetzte überall den Zucker mit Xylit und eine dritte Gruppe verwendete die normale, zuckerhaltige Ernährungsweise.

Zwei Jahre später zeigten die Ergebnisse der Studie Erstaunliches: Die Gruppe mit der Fruchtzucker-Ernährung hatte 30% weniger Karies als die „Haushaltszuckergruppe“. Die Xylit-Gruppe wies aber 85% weniger Karies auf als die Probanden, die normalen Zucker verwendeten! In faulen Zähnen ausgedrückt sah das Ergebnis so aus:

Die „Zuckergruppe“ hatte nach zwei Jahren im Durchschnitt 7,2 kariöse Zähne mehr als zu Beginn des Versuches, die „Fruchtzuckergruppe“ wies im Schnitt 3.8 neue kariöse Zähne auf und die „Xylit-Gruppe“ freute sich über 0,0 hinzugekommene Karies-Zähne. Das ist ein überzeugendes Ergebnis. Bei einigen Versuchspersonen konnten die überprüfenden Zahnärzte sogar feststellen, dass bei den Xylit-Probanden sogar zuvor vorhander Karies vermindert werden konnte. Es gab hier also Fälle von Karies-Heilung!

Ein weiterer Vorteil: Der Zahnbelag der Xylit-Verwender wurde um die Hälfte vermindert.

In einer weiteren Studie stellte man fest, dass der Kariesschutz von Xylit sogar bis zu fünf Jahre anhält, nachdem man den Zuckeraustauschstoff über einen längeren Zeitraum verwendet und wieder abgesetzt hat. Besonders bei Kindern, die dieses Süßmittel verwendet hatten, waren die herauswachsenden Zähne von besonders guter Qualität und sehr kariesresistent.

Stevia – nicht neu, aber endlich erlaubt!

Wer sich dafür interessiert hat, wusste es schon lange: Die südamerikanische Pflanze Stevia (stevia rebaudiana), auch Honigkraut genannt, enthält in ihren Blättern Stoffe, die sehr viel stärker süßen als Zucker, und dabei keine Kalorien haben: die Stevioglycoside. Bisher war es in der EU allerdings nicht als Lebensmittel zugelassen.
Als Kosmetikum und Badezusatz konnte man seinen „Stoff“ in Bioläden und Reformhäusern bekommen. Man kam sich vor wie im Haschischladen in Holland, wenn man nach dem weißen Pulver fragte. Hinter vorgehaltener Hand wurde auch Neueinsteigern gesagt, dass es sich um eine sehr effektives und gesundheitlich unbedenkliches, kalorienfreies Süßmittel handle, aber – man dürfe es halt offiziell nicht als solches verkaufen, da es in der EU nicht erlaubt sei.

Das ist nun Vergangenheit. Führten damals manche Bioläden nur die pulverisierten, getrockneten Blätter für „kosmetische Gesichtsmasken“, die dann auf dem Tee oder dem Kaffee herum schwammen und entweder viel zu süß im Mund waren oder als Pünktchen auf den Zähnen sitzen blieben, kann man heute das reine, weiße Pulver, das Steviosid zum Süßen kaufen. Die Qualität wird von der EU-Kommission überwacht, was ausnahmsweise dem Produkt auch einmal gut getan hat. Allerdings hat die EU-Kommission eine Höchstmenge festgesetzt. Man soll nicht mehr als 4 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen, schreibt die EU-Kommission vor. Angeblich will man noch warten, ob der ganz leicht bittere Nachgeschmack des Süßmittels auf Akzeptanz bei den Käufern stößt. Das kann aber eigentlich jeder Konsument für sich entscheiden.

Eine Weile standen die Stevioglycoside allerdings im Verdacht, Krebs zu erregen. Ein Tierversuch sollte gezeigt haben, das sehr hohe Mengen davon bösartige Tumore auslösen können. Es stellte sich dann aber heraus, dass die getesteten Mengen geradezu grotesk hoch waren, die Anzahl der Versuchstiere zu klein, um aussagefähige Ergebnisse zu erzielen, und die Studie war überdies von Firmen finanziert worden, die die Konkurrenzprodukte, nämlich chemische Süßmittel herstellen. Inzwischen ist Stevia vom Krebsverdacht freigesprochen.

Wahrscheinlich ist der Sinn dieser Höchstmengen-Vorschrift, der einflussreichen Zucker- und Süßstoffindustrie ihren Anteil am Lebensmittelmarkt zu sichern. Um einen Liter Limonade ausreichend mit Stevia zu süßen, müssten die Hersteller die dreifache Dosis der erlaubten Steviamenge verwenden. Da das nicht geht, müssen sie den Rest mit Haushaltszucker auffüllen. Immerhin kann dann ein Drittel der Zuckermenge eingespart werden.

Gerne wird Stevia von der Industrie mit Süßmitteln wie Aspartam und den Süßstoffen Cyclamat, Acesulfan, Neohesperidin und Saccharin in eine Reihe gestellt. Zu Unrecht. Stevia hat keinerlei gesundheitliche Nachteile, während schon in den 60er Jahren Studien belegt haben, dass rein chemischer Süßstoff Blasenkrebs verursachen kann und Heißhungerattacken auslöst, die den Verwender dick macht, statt – wie beabsichtigt – Kalorien spart und die schlanke Linie unterstützt. Das bestreitet die Süßmittelindustrie. Der Ernährungsexperte Udo Pollmer vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften weist aber nicht zu Unrecht darauf hin, dass Süßstoffe gern und reichlich zur Tiermast eingesetzt werden, was sicher nicht zu dem Zweck geschieht, dass die Tiere davon abnehmen. Die chemischen Süßstoffe sind zudem teurer als normaler Zucker. „Wenn die billigere Lösung denselben Effekt hätte, würden die Mastbetriebe sicher Zucker wählen. Wer behauptet, nur die Geschmacksgewöhnung sei der Grund für Süßstoffzusätze vergisst, wozu die Ferkel gezüchtet werden“, sagt Udo Pollmer. „Sie sollen möglichst schnell und viel fressen, damit sie bald schlachtreif sind. Ein Diätprodukt steht diesem Ziel aber im Weg.“

Stevia ist unschädlich für die Zähne und Diabetiker geeignet, weil es den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst.

Stevia ist aber auch ein altes Heilmittel und hat in Südamerika eine lange Tradition. Die Ureinwohner Paraguays benutzen es seit Jahrhunderten zum Süßen, aber auch als Mittel gegen Magenschmerzen. In Südamerika wird das Kraut auch als Heilmittel gegen entzündliche Erkrankungen und hohen Blutdruck eingesetzt. Diese Wirkungen sollen aber nur dann zu erzielen sein, wenn die getrockneten Blätter als Pulver verwendet werden. Das reine, weiße Steviosid-Pulver enthält zu wenig von den übrigen pflanzlichen Bestandteilen, um noch Heilwirkung zu zeigen.

Wer einfach nur kalorienfrei süßen möchte ohne die gesundheitlichen Nachteile von chemischen Süßstoffen, ist mit Steviapulver bestens bedient. Wer die gesundheitlichen Vorteile der Pflanze nutzen will, sollte sich das braungrüne Pulver aus getrockneten Steviablättern zulegen. Wer die Vorteile für seine Zahngesundheit von Xylit nutzen will, kann damit immerhin noch die Hälfte der Kalorien sparen, und sehr leckere Plätzchen oder Kuchen damit backen. Während Stevia in Getränken, Joghurt, Pudding und Süßspeisen nämlich hervorragend funktioniert, ist es beim Backen kaum einzusetzen, weil es die Aufgabe des Zuckers im Teig nicht übernehmen kann. Es hat kein Volumen und hält den Teig nicht zusammen, Plätzchen werden nicht zart und knusprig, sondern nur süße Pappdeckel. Das kann dafür aber das Xylit genauso gut wie Zucker.

Um zuckerfrei und gesund zu leben, und trotzdem genießen zu können, ist eine Verwendung von beiden natürlichen Süßmitteln ideal.

Quellen / Die finnische Studie zu Karies: 

Scheinin, A., Mäkinen, K.K.: Turku sugar studies I-XXI. Acta Odont Scand 33, Suppl. 70, 1975

Scheinin, A., Mäkinen, K.K.: Turku sugar studies I-XXI. Acta Odont Scand 33, Suppl. 70, 1975

Isokangas, P., Söderling, E., Pienihakkinen, K., Alanen, P.: Occurence of dental decay in children after maternal consumption of xylitol chewing gum, a follow-up from 0 to 5 years of age. J Dent Res 79, 1885-1889, 2000.

Knochendichte:
Smits, M.T., Arends, J.: Influence of extraoral xylitol and sucrose dippings on enamel demineralisation in vivo. Caries Res 18, 296-301, 1984.

Bedeutung von Mund- und Zahngesundheit für den Körper:
Zeines, Victor, DDS, MS, FAGD: Healthy Mouth, Healthy Body. Kensington Publishing Corporation, 2000, S. 29