Weltwirtschaftskrise: Gesellschaftliche Um- und Aufbrüche

Im stolzen, einstmals so erfolgreichen Amerika teilt sich die Gesellschaft. „Vom- Tellerwäscher-zum-Millionär“-Legenden gehören zum Selbstverständnis des Amerikaners. Elend und Perspektivlosigkeit haben keinen Platz in seinem „Yes. We can!“-Weltbild. Doch die Zahl der Armen und Obdachlosen steigt unaufhaltsam: Offiziell sind es insgesamt fast 46 Millionen US-Bürger, die auf die staatlichen Essenmarken angewiesen sind. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 314 Millionen US-Bürger sind das bereits 14,3 % – ein beachtlicher Anteil. Am Freitag wurde eine Untersuchung von Gallup veröffentlicht, der zufolge bereits 18,2 % der Amerikaner sich nicht mehr ausreichend Lebensmittel leisten können. Im Bundesstaat Mississippi sieht es am Schlimmsten aus. Hier hat bereits ein Viertel der Bevölkerung große Probleme, das täglich’ Brot auf den Tisch zu bringen. Colorado hat die niedrigsten Armutswerte, doch auch hier sind rund 15 % der Bevölkerung so arm, dass es für‘s Essen kaum reicht.

„Amerika wird zu einem sehr kalten Ort“ resümiert dieser Tage der Artikel „Forsaken And Forgotten“ (verlassen und vergessen). Die neuen Armen leben unsichtbar am Rande der Gesellschaft. Sogar Freunde und Verwandte distanzieren sich, als ob die Not ansteckend wäre. Da wirkt das Erbe der calvinistisch-anglikanischen „Pilgerväter“ nach. Der Zusammenhang zwischen Erfolg und Gottgefälligkeit ist auch heute noch unbewusst vorhanden. Gott liebt den, der „gut“ ist und schenkt ihm Erfolg. Natürlich wird auch umgekehrt ein Schuh daraus: Wer Not leidet, hat wohl etwas falsch gemacht – man meidet Verlierer. Eine gespenstische Trennlinie zwischen denjenigen, die sich noch an den amerikanischen Traum klammern und denen, die ausgeträumt haben, führt zu seltsamen Abwehrmaßnahmen gegen die eigenen Bürger. In fast allen großen Städten der Vereinigten Staaten ist es mittlerweile verboten, den hungrigen Obdachlosen und Bettlern etwas zu Essen zu geben. Während manche Städte noch Besorgnis vorschieben, indem sie das Verbot damit begründen, dass geschenktes Essen gesundheitliche Risiken für die Bettler bergen könnte, reden andere schon Klartext: Man fürchtet Massen zerlumpter Hungriger, die das Stadtbild verschandeln, kaufwillige Kunden aus den Malls und Innenstädten vertreiben und dadurch den Konsum beeinträchtigen. Um auch direkt gegen die Bettler vorgehen zu können, werden überall so genannte „anti-camping-laws“ und „Anti-food-sharing-laws“ (Verbot, Essen zu teilen) eingeführt. Damit wird Armut, Hunger und Obdachlosigkeit schlicht für illegal erklärt.
Doch die Zahl derer, die laut Definition in „extremer Armut“ leben steigt täglich. Während die Medien im letzten Jahr noch ständig den Aufschwung herbeiredeten, erscheinen seit Frühsommer immer mehr Beiträge, die nüchterne und traurige Zahlen, aber auch verzweifelte Schicksale veröffentlichen. Die Armutszahlen der USA reichen jetzt bereits an die große Depression der zwanziger Jahre heran.

Insbesondere die Generation der „Babyboomer“, also jener geburtenstarken Jahrgänge in den USA, die heute zwischen 47 und 66 Jahre alt sind, wurde ein Opfer der Finanzkrise. Viele haben ihre Altersgelder nach der Lehman-Pleite verloren. Überdies wurde der Wert ihrer Häuser durch die Subprime-Krise vernichtet. Täglich werden etwa 10.000 Babyboomer in den Altersruhestand geschickt – von denen viele nicht wissen, wovon sie leben sollen. Die Rentenkassen sind leer, die großen Unternehmen können die betrieblichen Altersvorsorgen kaum noch leisten. Auf die Weltmacht USA, die größte Volkswirtschaft der Erde, rollt eine Tsunamiwelle an Altersarmut zu. Man muss kein Experte sein um zu sehen, dass sich die Gesellschaft der USA grundlegend ändern wird. Der Umbruch hat also bereits begonnen.

Hier in Europa frisst sich die Rezession von Süden nach Norden durch. In den nördlichen EU-Ländern sind Staatsverschuldung, die immensen finanziellen Risiken durch Garantien und eine mögliche Vermögensabgabe das größte Schreckgespenst. Noch sehen wir die Armut kaum in unseren Städten, noch gehört sie nicht zu unserem täglichen Leben. Wir bemerken aber, dass es überall enger wird. Fast jeder, den wir kennen, muss eisern sparen und kommt „so eben über die Runden“. Die Krise klopft auch an unsere Türen.

Im Süden Europas ist sie angekommen, doch gehen die Menschen dort anders mit der Not um als in den USA. Sie sind selbstbewusster und sehen sich als Opfer des Systems, fordern ihre Bürgerrechte ein und greifen zur Selbsthilfe. In Spanien marschieren Gruppen in die großen Supermarktketten, füllen die Einkaufswägen mit Grundnahrungsmitteln und stimmen das alte Freiheitslied an: „El pueblo unido  jamás será vencido!“ (Das vereinte Volk wird niemals besiegt!). Fast alle anderen Kunden stimmen mit ein und gemeinsam schiebt man dann 50 Einkaufswagen mit Mehl, Brot, Nudeln, Zucker, Öl und Gemüse an den Kassen vorbei hinaus. Die Polizei beschlagnahmt die Wagen zwar bisweilen, wagt es aber bisher nicht, mit Gewalt zu reagieren. Nicht selten sind Bürgermeister die Anführer dieser ‚Einkäufe‘, verhandeln mit den Filialleitern der Supermärkte und dürfen im Anschluss mit deren Einverständnis die Ware an die Bedürftigen verteilen. Als in einem Fall Verhaftungen vorgenommen wurden, marschierten ganze Protestzüge zur Polizeiwache. Mit einer Twitter-Botschaft (Wir sind viele hier! Jetzt gehen wir zur Wache. Friedlich, aber ungehorsam gegenüber der Macht) mobilisierten die Protestler zahlreiche Unterstützer. Die beiden Verhafteten wurden freigelassen, sollen aber angeklagt werden. Der Kommentar des anführenden Bürgermeisters: „Wenn sie Straftaten suchen, sollen sie bei den Bankdirektoren suchen, da werden sie schnell fündig!“

Andere Spanier, die in Zwangsräumungen ihr Heim verloren haben, besetzen einfach leere Häuser und richten sich darin ein. Die Polizei verjagt sie zwar immer wieder, doch die Vertriebenen kommen einfach zurück, brechen die Versiegelung auf und ziehen wieder ein. Eine Million Spanier sind zurzeit von Zwangsräumungen durch Banken betroffen. Ganze Familien werden auf die Straße gesetzt, wenn sie ihre Hypothekenraten nicht mehr zahlen können. Ein alter Kämpe steht ihnen zu Seite: Vicente Pérez, der schon gegen Diktator Franco aufstand, hat eine Hilfsorganisation aufgebaut. Es gibt schon 50 Vertretungen in verschiedenen Städten. Sie betreiben Internetplattformen für Zwangsräumungsopfer, organisieren Protestansammlung vor den Kreditinstituten und versuchen, die Bank zum Einlenken zu bewegen. Oft kann die Organisation Stillhalteabkommen für die Familien aushandeln. Die Banken geben auch deshalb nach, weil trotz aller Gewaltfreiheit auch der Geruch von Revolution in der Luft liegt. Vielen Bankdirektoren und Polizeioffizieren ist klar, dass die Spanier noch nicht zum offenen Aufstand übergehen, weil die meisten noch etwas zu verlieren haben. Noch.

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