Zinswende: Ja. Nein. Vielleicht. Mit oder ohne Crash

Der Blätterwald rauscht, munkelt und raunt immer unruhiger von der epochalen Zinswende, die nun bald kommen soll. Die Zentralbanken, allen voran die US-Fed, verkünden ja seit Jahren, dass die Leitzinsen „bald“ wieder auf Niveaus der Vorkrisenzeit von 3-4 % einpendeln sollen. Ja, diesmal nun aber wirklich. Allerorten werden Tipps für das dann mögliche Platzen der diversen kreditgetriebenen Blasen gegeben, hierzulande vor allem beim besonders überhitzten Immobilienmarkt. Andererseits gibt es genügend Stimmen, die das Ganze für den nächsten falschen Alarm halten und uns nicht auf einen zinsbedingten Crash, sondern auf eine lange „Eiszeit“ einschwören. Hat überhaupt noch irgendeine Aussage Realitätsgehalt?

Oder kann es sein, dass die dauernde Ungewissheit und die Unmöglichkeit langfristiger Planungen die neue Realität ist? Ist sie mittlerweile vielleicht sogar zu einer durchaus beabsichtigten neuen Konstante geworden? Dazu später noch eine Überlegung. Zunächst schauen wir auf das ständige Schlingern der Bewertungen und Prognosen – z.B. in Springers Welt: dort findet sich ja gern mal Weltuntergangsstimmung direkt neben Schönwettermacherei, sogar innerhalb weniger Tage. Da werden fast zeitgleich die (durch Nullzins ermöglichte) stabile Konjunktur und das flotte Wachstum in Deutschland gefeiert und die Bedrohung „der ganzen Welt“ durch eine „brutale Neubewertung von Vermögen“ (aufgrund der drohenden Zinswende) herausgestellt. Besonders bedenklich sei bei Letzterem die abermals „sehr sorglose“ Stimmung an den Finanzmärkten, die sich voll und ganz auf die geringen Finanzierungskosten durch die Stütze der Zentralbanken verlasse und an die Phase vor dem Crash 2007 erinnere. In der Tat dürften die „unabhängigen“ französischen Analysten, die hier von der Welt herangezogen werden, nicht ganz unrecht damit haben, dass jede Zinsanhebung jetzt „das Streichholz sein kann, dass ins Benzinfass fällt“.

Auch der Focus favorisiert im Moment die Variante, dass die Zinswende kommt und Alarmstufe rot herrscht. Den kreditverleiteten Häuslebauern wird schonmal vorgerechnet, wie ihr Hauspreis demnächst um 16% verfallen wird, wenn der Leitzins nur um 1% steigt.

Doch einen wirklich stichfesten Hinweis auf die kommende Zinsanhebung findet man in den Artikeln nicht. Stattdessen heißt es andernorts aus gut unterrichteter Quelle, dass Fed-Chefin Janet Yellen von ihren vollmundigen Ankündigungen der Zinsnormalisierung wieder zurückgerudert sei. Und dass sie damit den Dollar in „Toast“ verwandelt, sprich endgültig auf Talfahrt geschickt habe. Der bekannte Analyst und Investor Bill Bonner verkündet sogar folgendes:

Wir bleiben dabei: die Fed wird die Zinssätze nie mehr ernsthaft erhöhen. Und sie wird auch nicht bereitwillig ihre Bilanz „normalisieren.“

Bonner leitet hier allerdings eine Mini-Inflation und eine mindestens zehnjährige Schrumpfung bzw. „Eiszeit“ der US-Realwirtschaft ab.

Bei all den heftigen Abweichungen und Widersprüchen quer durch alle medialen Quellen bekommt man als geneigter Leser den Eindruck, die Entwicklungen in der Real- und Finanzwirtschaft hätten gar nichts mehr miteinander zu tun und spielten sich jeweils für sich in getrennten Parallelwelten ab. Die Prognosen bezüglich der Leitzinsentwicklung widersprechen sich mittlerweile diametral, sodass man wohl bald in Anlehnung an eine Wetterweisheit sagen muss: „Krähen die Medien auf dem Mist, ändert sich der Leitzins oder er bleibt wie er ist.“

Es scheint, als ob wir uns jetzt alle die passenden Quellen und Statistiken herauspicken können, um uns die Welt zu machen, wie sie uns gefällt. Gut, Behörden machen das schon immer so, doch jetzt dürfen auch wir ganz basisdemokratisch unsere eigenen finanziellen Wirklichkeiten erschaffen. So „dürfen“ wir uns in Sachen Leitzins mittlerweile selbst aussuchen, wie er sich künftig entwickeln wird. Die tatsächliche Realität wird sich dann mit etwas Glück schon entsprechend anpassen. Mit etwas weniger Glück kommt jedoch etwas völlig anderes, so wie es niemand vorhergesehen hat. Zum Beispiel ein Crash der überspannten Finanzmärkte trotz weiterer Fiatgeldflutung und Stützungskäufe. Oder eine außer Kontrolle geratene Inflation trotz Normalisierung der Zinsniveaus. Wie schnell es hier durch „externe“ Faktoren wie übermäßige Bürokratie aufwärts gehen kann, zeigt der binnen eines Jahres fast verdoppelte Preis für das Grundnahrungsmittel Butter.

Man kann aus den ständig widersprechenden Prognosen hinsichtlich des Leitzinses und der Entwicklung der Finanzassets eigentlich nur noch eines machen: beide bzw. alle Versionen der Prognosen gegenüberstellen und versuchen auf alle Konsequenzen vorbereitet zu sein, bzw. für alle Fälle reaktionsfähig zu bleiben. Das ist zugegebenermaßen kein Leichtes, doch niemand sagt, dass es einfach ist, heutzutage ein Vermögen zu behalten.

Zuletzt noch eine kleine Spekulation zu der eingangs geäußerten Vermutung, dass die mehrdeutige und undurchsichtige Informationslage durchaus Absicht sein könnte: warum sollte jemand ein Interesse daran haben, dass Anleger und Märkte aufgrund einer wirren Informationslage nur noch von Tag zu Tag über Kredite und Investments entscheiden? Vielleicht, weil sich so der totale Kontrollverlust verhindern lässt. Wenn alle Marktteilnehmer von widersprüchlichen Informationen ausgehen, gibt es kein ausgeprägtes Herdenverhalten mehr und damit womöglich weniger Dominoeffekte und „Lawinen“. Auf diese Weise könnte womöglich ein allzu lauter Knall bei den Aktien-, Anleihen- und Immobilienblasen verhindert werden.

Andererseits könnte damit auch erst recht das totale Chaos heraufbeschworen werden. Eine nachhaltige und vertrauenswürdige Methode der Krisenbewältigung wäre eine solche „PR-Strategie“ jedenfalls nicht. Aber auch die Alternative, dass tatsächlich Alle nur noch spekulativ im Nebel stochern und niemand mehr einen Durchblick über ein paar Tage hinaus hat, ist nicht wirklich beruhigend.

Lesetipp zum Thema: Federal Reserve – 100 Jahre Lügen, von Michael Grandt

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